Russland und Europa in der Epoche des Zarenreiches (1547–1917)

von by Martin Aust Original aufOriginal in Deutsch, angezeigt aufdisplayed in Deutsch
PublishedErschienen: 2015-11-24
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    Russland und Europa waren in den zurückliegenden fünf Jahrhunderten politisch, ökonomisch und kulturell miteinander verflochten. Vor allem ab dem 18. Jahrhundert erschöpfte sich das Verhältnis zwischen Russland und anderen Ländern und Gesellschaften Europas nicht allein in dynastischen Verbindungen, politischen Bündnissen, wirtschaftlichem Austausch und einzelnen Kulturtransfers. Eine kulturelle Verflechtung höheren Grades kennzeichnet das Verhältnis zwischen Russland und Europa im 18. und 19. Jahrhundert. In Reiseberichten, Publizistik, Belletristik, Geschichtsphilosophie und Historiographie wurden Russland und Europa in den letzten drei Jahrhunderten beobachtet und kommentiert. Vergleiche zwischen beiden Regionen müssen folglich in einer Geschichte gegenseitiger Wahrnehmungen und Interaktionen aufgehoben werden.

    InhaltsverzeichnisTable of Contents

    Einleitung

    In der Geschichtsschreibung besitzt das Thema "Russland und Europa" eine eigene Tradition. Seine Darstellung erfolgte in steter Korrespondenz mit Politik, Publizistik wie auch mythischen Motiven und reflektierte den Wandel kognitiver Karten von und Europa. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lösten in Europa die Universitätsdisziplinen Geschichtswissenschaft, Slavistik und Geographie Russland aus der europäischen Fremdverortung im . Russland wurde nun von diesen Fächern, aber auch seitens der Publizistik im angesiedelt.1 Damit war jene kognitive Karte gezeichnet, auf der das Universitätsfach "Osteuropäische Geschichte" im späten 19. Jahrhundert zunächst in und Russland verortete.2 Doch nicht allein in Europa war die Auffassung von Russlands Positionierung zur Gegenwart und Geschichte Europas wichtig. Für russische Historiker war sie im 19. Jahrhundert ebenso zentral. So legte Nikolaj M. Karamzin (1766–1826) seit 1818 eine Geschichte des russländischen Staates vor, in der er einerseits die Entstehung der Autokratie als russisches Spezifikum darstellte und andererseits die Geschichte Russlands als anderen nationalen Geschichten europäischer Länder ebenbürtig auffasste.3 Sergej M. Solov'ev (1820–1879) sah die Geschichte Russlands hegelianisch einem allgemeinen Verlaufsmuster der Weltgeschichte folgen – jedoch unter spezifisch russischen Bedingungen. In dem riesigen territorialen Raum Russlands verliefen historische Prozesse in einem langsameren Tempo als im kleinräumigen Europa.4 Vasilij O. Ključevskij (1841–1911) wies in seiner Gesamtdarstellung russischer Geschichte darauf hin, dass bereits vor Peter dem Großen (1672–1725, regierte 1682/1689–1725)[Versammlung bei Peter I. (1672–1725) IMG] eine merkliche Europäisierung Russlands stattgefunden hatte, indem von und Seite aus Barockkultur und humanistische Bildungsideale vermittelt wurden.5 Sergej F. Platonov (1860–1933) legte 1925 eine Bilanz der Kontakte zwischen Altrussland und Europa im 15.–17. Jahrhundert vor, die den Kenntnisstand der vorrevolutionären Historiographie auf diesem Feld eindrucksvoll zusammenfasste.6

    Die sowjetische Historiographie behandelte die Geschichte Russlands mittelbar in europäischen Zusammenhängen. Ihr ging es vor allem um eine historische Legitimierung der Oktoberrevolution und des ersten sozialistischen Staates der Welt. Dessen historische Genealogie orientierte sich am marxistischen Schema, das Feudalismus, Kapitalismus und Sozialismus aufeinander folgen ließ. Explizite Vergleiche zwischen Russland und Europa waren nicht Teil des historiographischen Programms. Dieses marxistische Geschichtsbild ließ die Geschichte Russlands jedoch als ein an europäischen Beispielen entwickeltes Konzept erscheinen.7

    Die Historiographie in Europa wiederum ist in den vergangenen fünfzig Jahren von drei Zugängen zur Geschichte Russlands geprägt gewesen, unter Berücksichtigung des russischen Verhältnisses zu Europa: (1) Sozial-, Wirtschafts- und Alltagsgeschichte;8 (2) Ideengeschichte und (3) Kulturgeschichte. Von Fall zu Fall gab es auch Überblendungen zwischen diesen Ansätzen. Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte betrachtete die Geschichte Russlands unter der Maßgabe ihrer Rückständigkeit im Vergleich zu Europa und dem Westen. Die Modernisierungstheorie gab Zielvorgaben kapitalistischer Wirtschaft, bürokratischer Herrschaft, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlicher Selbstorganisation vor, hinter denen die Geschichte Russlands zurückblieb. Die Vergangenheit des Zarenreiches ließ sich so als eine Geschichte staatlicher Reformen schreiben, die in aller Regel nicht die gewünschten Ergebnisse lieferten und erst recht nicht die Entwicklungsdistanz zwischen europäischen Gesellschaften und Russland aufhoben.9 "Gesellschaft als staatliche Veranstaltung" und "geborgter Imperialismus" sind griffige Formulierungen, die entsprechende Befunde bündelten.10 Weltsystemgeschichtliche Ansätze zielten darauf ab, die vermeintliche Rückständigkeit Russlands nicht indogen, sondern interdependent mit einer weltweiten ökonomischen Arbeitsteilung zwischen peripheren, halbperipheren und zentralen Gesellschaften in der Neuzeit zu erklären. Russland galt in seiner Eigenschaft als bedeutender Rohstoffexporteur und Großmacht dabei als Beispiel einer halbperipheren Gesellschaft.11

    Die Ideengeschichte hat sich im 20. Jahrhundert durchgängig am geschichtsphilosophischen Material abgearbeitet, das wechselseitige russische und europäische Selbstvergewisserungsdiskurse im 18. und 19. Jahrhundert produziert hatten.12 Auch imagologische Arbeiten sind in diesem Zusammenhang zu nennen.13 Zugleich sind auch sozialgeschichtliche Zugänge zu einer Geschichte der russischen Intelligenzija erprobt worden, die diese Gruppe mit den Intellektuellen in Frankreich, Deutschland und Polen vergleicht.14

    Seit den 1990er Jahren hat die Kulturgeschichte die Betrachtung von Russland und Europa grundlegend geändert. Die Erforschung kognitiver Karten hat die Geschichtsschreibung für die kulturelle Konstruktion von Raumvorstellungen sensibilisiert. Die Verschiebung Russlands vom Norden in den Osten Europas in der europäischen Fremdwahrnehmung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist dafür ein einschlägiges Beispiel.15 An die Stelle des sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Vergleichs und der hochkulturell und imagologisch orientierten Ideengeschichte hat die Kulturgeschichte den Kulturtransfer gestellt. Transfers nach Russland aber auch Rezeptionen Russlands in Europa und der Welt bestimmen die Forschungsagenda.16 Schließlich ist der Status von Akteuren, ihren Handlungsoptionen und ihren autobiographischen Praktiken in der jüngeren Forschung stark aufgewertet worden. "Russland und Europa", "West und Ost" erscheinen nicht mehr als strukturelle Zwänge, sondern Kontexte, in denen Akteure sich wahlweise verorten.17

    Aufs Neue erwiesen Gegenwartserfahrungen wie das Ende der Sowjetunion und der ihr folgende Wandel kognitiver Karten ihre Wirkmächtigkeit in der Wissenschaft. Im amerikanischen Wissenschaftssystem hat sich Eurasien zunehmend als Region etabliert, in der die Geschichte Russlands verortet wird.18 Schließlich ist die Globalgeschichte als jüngster Faktor für die Darstellung der Geschichte von Russland und Europa zu veranschlagen. Die Geschichtsschreibung steht seit rund zwei Jahrzehnten im Zeichen einer Welt- und Globalgeschichte wider den Eurozentrismus. Der Imperativ, die Kategorie Europa zu provinzialisieren, mithin ihrer normativen Geltung gegenüber anderen Weltregionen zu entkleiden, hat auch Auswirkungen auf Darstellungen des Klassikers "Russland und Europa".19 Die Geschichte des Verhältnisses von Russland und Europa kann nicht länger in den – ohnehin nicht eindeutigen – Grenzen Russlands und Europas eingeschlossen sein. Welt- und globalgeschichtliche Kontexte liegen auf der Hand. Dies wird deutlich, wenn russische Eliten außerhalb Europas als Anwälte einer europäischen Zivilisierungsmission auftraten, wie auch umgekehrt, beispielsweise wenn in afrikanischen oder asiatischen Fremdwahrnehmungen Russland relational zu Europa kategorisiert wird.20

    Die folgende chronologische Darstellung des Verhältnisses zwischen dem Zarenreich und Europa zielt vor allem auf eine Differenzierung populärer Vorstellungen von Russland und Europa. Statt das abgeschlossene Moskauer Russland von dem europäisierten Petersburger Kaiserreich seit dem 18. Jahrhundert schematisch abzugrenzen, sollen hier mehrfache Kontrastierungen aufgezeigt werden. Im Mittelpunkt stehen Wahrnehmungen und Interaktionen auf den Feldern der Politik, Wirtschaft, Religion und Kultur. Auch Reisende erscheinen dabei als wichtige Mittler. So lassen sich für das Moskauer Russland des 16. und vor allem des 17. Jahrhunderts mehrere Transferprozesse belegen. Im 18. Jahrhundert wiederum weisen viele Vorgänge auf die Experimentierfreude hin, die hinsichtlich der Europäisierung vorherrschte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist schließlich zu beobachten, dass Russland verstärkt an Internationalisierungsprozessen mitwirkte.

    Moskau und Europa im 16.–17. Jahrhundert: Pragmatik und Öffnung

    Für ausländische Reisende war es kein leichtes Unterfangen Zugang zum Moskauer Russland zu erhalten und sich in ihm zu bewegen. Diplomatische Missionen mussten in angemeldet werden. Ihre Delegationen wurden an der Grenze des Moskauer Staates in Empfang genommen und von einem Bediensteten des Großfürsten (bzw. ab 1547 Zaren) durch das Land und an den Hof geleitet. Die Reiseroute legte die Moskauer Zentrale fest. Kontakte zu Moskauern und anderen Ausländern waren reglementiert und häufig unterbunden. Kulturelle Missverständnisse auf diversen Feldern wie dem diplomatischen Zeremoniell, Essensgepflogenheiten und dem Umgang mit Krankheit und Tod standen auf der Tagesordnung jedes Reisenden aus Europa in Russland. Begegnungen zwischen Protestanten und Katholiken des konfessionellen Zeitalters und Orthodoxen waren von der Erfahrung religiöser Differenzen geprägt.21

    Über die kulturellen Gräben hinweg war der Umgang der Moskauer Zaren mit Ausländern aus Europa jedoch sehr pragmatisch. Zwar beharrte die Orthodoxie auf religiöser Differenz, und eine aktive Auseinandersetzung mit dem Wissen Europas suchte das offizielle Russland nicht. Der Zarenhof sah jedoch kein Problem darin, Ausländer als Fachkräfte zu beschäftigen, sofern dies dem Moskauer Staat von Nutzen war. Ärzte, Architekten, Waffenschmiede und Militärs aus Europa hatten somit im 15.–17. Jahrhundert ihren festen Platz unter dem Personal, das in Moskauer Diensten stand.22 Zugleich war das Moskauer Russland in den Fernhandel der Frühen Neuzeit und Kulturtransfer eingebunden. Nachdem im späten Mittelalter die Hanse den europäischen Russlandhandel beherrscht hatte, gelang es im 16. und 17. Jahrhundert vor allem und ihre Position einzunehmen. Holz, Hanf, Pottasche, Getreide, Honig und kostbare Zobelfelle aus gehörten zu den russischen Exportgütern. Russland wiederum importierte Waffen und Luxusgüter. Über die Wolga und das Kaspische Meer stellte Russland eine wichtige Handelsverbindung zwischen dem Orient und Europa dar.23 Die Ökonomie des Moskauer Russlands erwies sich dabei als offen, und die Nachfrage von auswärts bewirkte im Inneren Veränderungen. Die europäische Ledernachfrage führte im 17. Jahrhundert etwa dazu, dass die Viehhaltung und die Lederproduktion vor allem an der oberen und mittleren Wolga zunahmen.24

    Wer im 16. und 17. Jahrhundert aus europäischen Ländern nach Moskau reiste, tat dies nicht um der Reiselust willen, sondern entweder mit spezifischen Aufträgen aus Politik, Wirtschaft und Kirche oder auf der Suche nach Reichtum, der häufig ebenso schnell gewonnen wie zerronnen war. Im 15. Jahrhundert reisten vor allem im päpstlichen Auftrag nach Moskau, um – in Verkennung der Moskauer Abneigung – zu erkunden, ob sich die römisch-orthodoxe Kirchenunion von Ferrara-Florenz aus den Jahren 1438/1439 womöglich doch noch realisieren ließe. Im 16. Jahrhundert kamen immer mehr europäische Reisende nach Russland. Dazu zählten nun auch Engländer, die im Dienst der Muscovy Company allein 32 Reiseberichte über das Moskauer Russland verfasstenAlexander Litovchenko (1835–1890), Zar Iwan IV. zeigt Jerome Horsey seinen Schatz, Öl auf Leinwand, 153 × 236 cm, 1875; Bildquelle: Russisches Museum, Sankt Petersburg; http://en.wikipedia.org/wiki/File:Ivan_the_Terrible_and_Harsey.jpg.. Die kaiserliche und päpstliche Diplomatie war im 16. Jahrhundert vor allem daran interessiert, Moskau für ein Bündnis gegen das Osmanische Reich zu gewinnen – allerdings ohne Erfolg.25

    Den bekanntesten Diplomat unter den Russlandreisenden des 16. und 17. Jahrhunderts stellt zweifelsohne Siegmund Freiherr von Herberstein (1486–1566) dar. Im Auftrag des Wiener Hofes unternahm er 1517/1518 und 1526/1527 diplomatische Missionen an den Hof des Moskauer Großfürsten Wasilijs III. (1479–1533, regierte 1505–1533). 1517 sollte er den Waffenstillstand zwischen Polen-Litauen und Moskau herbeiführen. Obwohl Herberstein dieses Ziel nicht erreichte, gelang es ihm, bei seiner Rückkehr nach Wien den Eindruck eines gemachten Russlandexperten zu vermitteln, so dass Karl V. (1500–1558, Kaiser des Hl. Römischen Reiches 1520–1556) ihn 1525 mit einer weiteren Mission nach Moskau betraute. Diesmal war Herberstein aufgetragen worden, auf seiner Reise die nötigen Informationen für eine Landesbeschreibung des Moskauer Staates zu sammeln. Das Resultat konnte Herberstein 1549 unter dem Titel Rerum moscoviticarum commentarii publizieren. 1557 erschien das Werk ins Deutsche übersetzt als MoscoviaSigismund von Herberstein (1486–1566), Moscovia, der Hauptstat in Reissen […], Wien 1557; Digitalisat: Biblioteca Augustana, HS Augsburg, http://www.hs-augsburg.de/~%20harsch/germanica/Chronologie/16Jh/Sigismund/sig_m000.html.. Darin formulierte Herberstein einen Satz, der auf Jahrhunderte hinaus westliche Russlandvorstellungen prägen sollte. Es schien ihm fraglich, in welchem Kausalverhältnis die Eigenschaften von Regierung und Volk im Moskauer Russland zueinander stünden: "Ich weiß nit eigentlich, ob dises unbarmherzig volk eines sollichen tyrannen zu einem fürsten bedarfe, oder ob durch deß fürsten tyranney das volk also unmilt und grausamlichen wird."26

    Nach, dem Bürgerkrieg (die Zeit der Wirren, russ. smutnoe vremja), der nach dem Ende der Dynastie der Rurikiden (1598) ausgebrochen war, stand die Herrschaft der Romanovs ab 1613 unter dem Zeichen der Restauration.27 Das galt zunächst für die Herrschafts- und Sozialverfassung im Inneren. Die Unantastbarkeit der Autokratie und die herrschaftstragende Funktion des Adels waren zentral und prägten weiterhin die Geschichte Russlands. Erheblich komplexer gestaltete sich der Restaurationsversuch der orthodoxen Kirche. Der 1619 in sein Amt eingesetzte Patriarch Filaret (1553–1633, Patriarch 1619–1633), der die Zeit der Wirren teilweise in polnischer Gefangenschaft verbracht hatte, setzte alles daran, seine orthodoxen Schäflein vom vermeintlich verderblichen Einfluss Andersgläubiger und der Katholiken zumal fernzuhalten. Die russische terra orthodoxa sollte in Reinheit bewahrt werden. Doch das 17. Jahrhundert folgte nicht diesem orthodoxen Masterplan. Weder ließ sich die weltliche Elite in ihrer kulturellen Orientierung auf die Abgeschlossenheit von Europa festlegen noch gelang es der russisch-orthodoxen Kirche, das russische religiöse Leben von diversen Verknüpfungen mit unterschiedlichen Außenwelten abzuschirmen. In der ukrainischen Frage verknüpften sich zudem in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die religiösen und säkularen Stränge der Europäisierung Russlands.

    Die russische Orthodoxe Kirche sah sich im 17. Jahrhundert mit einer Vielfalt religiöser Praktiken konfrontiert. Nach der Zeit der Wirren behaupteten Menschen in manchen Regionen Russlands – etwa an der mittleren Wolga – die Kirche sei keine Kirche mehr. Die Verwerfungen des Bürgerkrieges hatten zu Beginn des 17. Jahrhunderts auch die Autorität der Amtskirche in Frage gestellt. Bereits in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts sprachen Zeitgenossen von einer Spaltung (raskol) der Kirche.28 In orthodoxen Gottesdiensten wiederum wichen die liturgischen Bücher voneinander ab. Es herrschte Unklarheit, wann welche Gesänge und Gebete im Gottesdienst in welcher Abfolge darzubringen seien. Die Vereinigung Moskaus mit den ebenfalls orthodoxen ukrainischen Kosaken im Abkommen von 1654 führte ein weiteres Mal deutlich vor Augen, dass die Orthodoxie unter den Ostslawen verschiedene Ausprägungen angenommen hatte. Der Moskauer Patriarch Nikon (1605–1681) beschloss, Abhilfe zu schaffen. Aus der Ukraine engagierte er Geistliche, die eine vereinheitlichende Korrektur der liturgischen Bücher vornehmen sollten. Zugleich versuchte Nikon die Liturgie für alle Ostslawen in den nach ihm benannten Nikonschen Reformen zu ordnen. Was auf den ersten Blick als kirchliche Angelegenheit erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein fundamentaler Vorgang, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zur Europäisierung Russlands beitrug. Denn die ukrainischen Geistlichen, die die Nikonschen Reformen in Moskauer Dienste brachte, waren ihrerseits in der Auseinandersetzung der orthodoxen Ruthenen/Ukrainer mit der katholischen Gegenreformation in Polen-Litauen geschult worden. Bildungsvorstellungen wie die sieben freien Künste (septem artes liberales) gelangten auf diesem Weg in das Moskauer Russland. Dieser Zuwachs an Bildung blieb nicht ohne Folgen und führte zum ersten theologischen Streit in der russischen orthodoxen Kirche, in dem widerstreitende Parteien die Transsubstantiation des Abendmahles verhandelten.29

    Die ukrainische Vermittlung europäischen Wissens vor allem über Polen nach Russland blieb nicht auf die religiöse Sphäre beschränkt. Der Zarenhof war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein prominenter Ort und wirkte an der Aneignung polnisch-europäischer Kultur mit. Zar Aleksej Michajlovic (1629–1676, regierte 1645–1676) ließ zum Verdruss der Geistlichkeit Theaterstücke am Hofe aufführen. Es wurde Barockmusik gespielt und auch polnische Kleidung getragen. Auch einzelne vermögende Adlige – wie Vasilij V. Golicyn (1644–1714), der einflussreichste Ratgeber der Regentin Sof'ja Alekseevna (1657–1704, Regentin 1682–1689) in den 1680er Jahren – ließen in der Ausstattung ihrer Landsitze eine große Offenheit für Europa erkennen, etwa indem sie Bibliotheken mit westlichen Büchern aufbauten.30 Die Vermittlungstätigkeit ukrainischer Eliten zwischen Europa und Russland verbindet den Ausgang der altrussischen Periode in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit den ersten beiden Dritteln des 18. Jahrhunderts. Entgegen dem Mythos, der in Peter dem Großen den Initiator der Europäisierung Russlands sieht, wird aus ukrainischer Perspektive eine Phase der Europäisierung Russlands von 1654 bis 1764 sichtbar.31

    Russland und Europa im 18. Jahrhundert: Imperium und Zivilisation

    Es hieße jedoch, das Kind mit dem Bade auszuschütten, wenn Peter der Große als Faktor in der Geschichte von Russland und Europa ausgeblendet würde. Zu Peters Zeit wurden die Verbindungen zwischen Russland und Europa enger und vielfältiger. Die protestantischen und seefahrenden Länder , Niederlande und England galten Peter dabei als besonders vorbildliche Lehrer Russlands. Bereits in seiner Jugend war die Moskauer Ausländervorstadt, der zugewiesene Wohnplatz nicht-orthodoxer Europäer, für Peter ein beliebter Aufenthaltsort, der seine Neugierde auf Fremdes weckte. Die Gelegenheit Europa selbst zu erleben, nutzte der junge Zar auf seiner sogenannten Großen Gesandtschaft 1697/1698. Der Anlass der Reise hatte sich mit Peters Sieg über das Osmanische Reich 1696 und dem damit verbundenen Gewinn ergeben. Peter der Große war nun willens, Europa zu geben, worum europäische Diplomaten im 16. und 17. Jahrhundert vergebens in Moskau gebeten hatten: ein robustes Engagement Russlands in der Heiligen Liga gegen das Osmanische Reich. Die Reise führte Peter den Großen durch einige Residenz-, Krönungs- und Hauptstädte Europas: , Berlin, , , und Wien. Der ursprüngliche Zweck der Reise, eine große Koalition gegen das Osmanische Reich zu schmieden, erfüllte sich nicht. Am Vorabend des Erbfolgekriegs war die Diplomatie in Europa bereits ganz von der Thronfolge auf der iberischen Halbinsel eingenommen. Nichtsdestoweniger geriet die Große Gesandtschaft zu einem in vieler Hinsicht folgenreichem Großereignis russischer Geschichte, denn zum ersten Mal war ein russischer Zar nach Europa gereist. Mit , und konnte Peter bereits Bündnisse anbahnen, die im Großen Nordischen Krieg gegen Schweden 1700–1721 relevant werden sollten. Über den Haupt- und Staatsaktionen der großen Politik darf jedoch eine entscheidende Einsicht des Zaren in die Mechanismen des Kulturtransfers nicht übersehen werden. Peter der Große gewann auf der Reise die Überzeugung, dass die passive Nutzung europäischer Technologie und die Anwerbung auswärtiger Fachkräfte Russland auf Dauer nicht weiterhelfen würde. Russlands Status verlangte in den Augen des Zaren danach, dass sich seine Untertanen und auch seine Adelselite das Wissen und die Fertigkeiten der Europäer in Wissenschaft und Handwerk persönlich aneigneten, um sie dann eigenständig zum Nutzen Russlands weiter entwickeln zu können. Teils begeistert, teils nüchtern dienstbewusst machten sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten russische Adelssprösslinge auf den Weg nach Europa, um den Willen des Zaren in die Tat umzusetzen.32

    Im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) und vor allem durch den Sieg über Schweden bei Poltawa 1709Charles Simono, Die Schlacht von Poltava zwischen der russischen und der schwedischen Armee am 27. Juni 1709, Radierung mit Stahlstich und Wasserfarben, 1724–1728, Ölgemälde: Pierre Denis Martin (1663–1742); Bildquelle: Mit freundlicher Genehmigung des Staatlichen Museums Eremitage St. Petersburg, inv. ЭРГ-33264, http://www.hermitagemuseum.org/wps/portal/hermitage/digital-collection/04.+Engraving/1267681/?lng=en. demonstrierte Peter der Große eindrucksvoll das neue militärische Vermögen Russlands auf der Bühne Europas. Doch Peters Veränderungswille blieb nicht auf das Militärische beschränkt. Die Zahl der alten Moskauer Zentralämter reduzierte er drastisch und wandelte sie nach schwedischem Vorbild zu Kollegien um.33 Sich selbst ließ er 1721 in den Rang eines Kaisers (Imperator) erheben, dessen Inszenierung auf Modelle aus dem alten zurückgriff.34 Zur Förderung der Wissenschaften und beraten von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) beschloss er die Gründung einer Akademie der Wissenschaften, deren Eröffnung im Jahr 1725 er jedoch nicht mehr erlebte.35 Der umfassende Gestaltungswille Peters machte auch vor der Kultur nicht Halt. Peter entfesselte eine kulturelle Revolution.36 Die Hauptstadt verlegte er aus dem alten Moskau in das neue Der Peterhof-Palast (St. Petersburg) IMG. Ihr barockes und klassizistisches Gepräge erhielt die Stadt freilich erst zwischen ca. 1750 und 1850. Zu Zeiten Peters glich die nach ihm benannte Stadt einer Großbaustelle. Die Festkultur des Hofes löste Peter aus dem altrussischen orthodoxen Rahmen und orientierte sie neu an der barocken Formensprache und dem antiken Symbolsystem.37 Seiner Elite befahl Peter, sich nach der europäischen Mode zu kleiden und die orthodoxen Bärte zu rasieren.

    Europäische Besucher Russlands diagnostizierten einen fundamentalen Wandel. Dem hannoverschen Gesandten Friedrich Christian Weber (gest. 1739?) stellte sich das Zarenreich als ein "verändertes Russland" dar,38 und der Graf Francesco Algarotti (1712–1764) prägte 1739 die später weithin und gern zitierte Metapher, Peter habe Russland ein "Fenster nach Europa" geöffnet.39 Die russische Selbst- und die europäische Fremdwahrnehmung des Zarenreiches bewegten sich hier erstmals aufeinander zu. Vasilij N. Tatischtschew (1686–1750) entwarf eine neue Karte Russlands, die das Zarenreich entlang des Urals in einen europäischen und einen asiatischen Teil teilte:40 Russland schien in Europa angekommen. Den Nachfolgern Peters des Großen stellte sich freilich die Frage, wie sie dieses Erbe annehmen und weiter formen sollten. Das russische 18. Jahrhundert bot weithin das Bild eines imperialen Labors der Europäisierung.

    Die Eliten am Zarenhof begannen nun, die Differenz zwischen russischer Nation und Rußländischen Imperium in Umrissen wahrzunehmen. Im Moskauer Großfürstentum und ebenso im Moskauer Zarentum seit 1547 war es ein gängiges Prinzip gewesen, nichtrussische Edelleute bei Bedarf in den Adel zu inkorporieren. Loyalität gegenüber Großfürst, respektive Zar, war das wichtigste Kriterium der Elitenzugehörigkeit, nicht Herkunft und Muttersprache. Zum Konfliktpunkt wurde diese Praxis in der Zeit nach Peter dem Großen, als Deutsche am Hof von Kaiserin Anna Iwanowna (1693–1740, reg. 1730–1740) die einflussreichsten Ratgeber darstellten, vor allem Ernst Johann von Biron (1690–1772). Russische Adlige zweifelten daraufhin am russischen Charakter des Reiches. Auch die ukrainische Frage verwies im 18. Jahrhundert auf die Problematik von Nation und Imperium. Unter Elisabeth I. (1709–1762, regierte 1741–1762) erreichte die Präsenz von Ukrainern unter den Bischöfen der orthodoxen Kirche und am Hofe ihr Maximum. Der neuen Kaiserin Katharina II. (1729–1796, regierte 1762–1796)[J. Miller, Catherine II, Czarine of Russia, Kupferstich, Datum unbekannt. Quelle:  Wellcome Library, London, Slide number 6170, http://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0011250.html, Creative Commons Attribution only licence CC-BY 4.0, http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.] legten die ukrainischen Kosaken 1763 eine Petition vor, in der sie um die Einrichtung eines ukrainischen Reichstags baten. Die Bittschrift war sichtlich an der Rhetorik und politischen Kultur der Adelsrepublik Polen-Litauen geschult. Ihre Umsetzung hätte den imperialen Bauplan Russlands signifikant gewandelt. Katharina II. lehnte das Anliegen ab.41 Das Zarenreich blieb ein politischer Verband, dessen multiethnische Elite der Dynastie der Romanovs loyal diente. Gleichwohl beanspruchte das russische Element des Reiches zunehmend mehr Bedeutung.

    In der Außenpolitik offenbarte sich Peters Nachfolgern, dass der Status einer europäischen Großmacht nicht allein von prestigeträchtigen Schlachten, wie der von 1709, abhing. Der Anerkennung als Großmacht lag eine intersubjektive Komponente zugrunde und sie war zudem daran geknüpft, die Spielregeln des Systems der europäischen Mächte zu entziffern und nach ihnen zu agieren. Hatte Peter der Große dieses System noch als Ausgrenzungsmechanismus zum Nachteil Russlands wahrgenommen, gelang es russischen Diplomaten in den folgenden Jahrzehnten, Russland als System-Insider zu etablieren. Noch zu Beginn der Regierung Katharinas II. nutzte der Außenminister Nikita I. Panin (1718–1783) eine Bündnispolitik Russlands, die sich schon zu Zeiten Peters des Großen beobachten ließ: Im Bündnis mit den Ostseeanrainern sowie in Verhandlungen mit England sollte das ostmitteleuropäische Vorfeld des Zarenreiches abgesichert werden. Die Kontinuität im Bündnisgebaren war nun jedoch aufgehoben in einer gewandelten Terminologie, die die zunehmende Vertrautheit Russlands mit dem europäischen Modell des Bündnissystems dokumentiert. Panin nannte seine Bündniskonzeption das "Nordische System".42

    Die Regierungszeit Katharinas II. war von Kontinuitäten und vom Wandel im russischen Umgang mit Europa geprägt. In der Außenpolitik brach sie mit den Vorstellungen, die die russische Diplomatie in den vorangegangenen Jahrzehnten entwickelt hatte. Die Kaiserin verließ den Pfad einer systembasierten und an Stabilität orientierten Außenpolitik. Gegenüber Polen-Litauen und dem Osmanischen Reich war sie darauf bedacht, innere und äußere Schwächen der Nachbarn auszunutzen und zu expandieren.43 Diese Außenpolitik führte zum russisch-osmanischen Krieg 1768–1774 und zur ersten Teilung Polens 1772IEG Karte Osteuropa IMG. Russland expandierte gen Westen und Süden und festigte seinen Status als europäische Großmacht, indem es 1779 im Frieden zu Teschen zwischen Preußen und als Garantiemacht eingesetzt wurde. Das Zarenreich versuchte sich nicht mehr in ein System einzufügen, sondern etablierte sich als ein Spieler, ohne dessen Einwilligung das System europäischer Mächtepolitik nicht funktionieren konnte.

    Auch auf einem anderen Feld lässt sich unter Katharina II. ein Wandel im Umgang mit Europa feststellen. Europäische Zivilisationsvorstellungen wurden in Russland im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts anders rezipiert. Peter der Große, Anna Iwanowna und Elisabeth I. hatten die Zivilisierungsmission vor allem religiös aufgefasst und in die Hände der orthodoxen Kirche gelegt. Die ersten beiden Drittel des 18. Jahrhunderts waren eine Hochzeit orthodoxer Mission im Imperium. Katharina II. hielt daran fest, verfolgte jedoch eine pragmatische Religionspolitik, die die Konfessionen in die Administration des Imperiums einband.44 Der Zivilisierungsmission wies sie neue Aufgaben zu: europäische Lebensweisen, Ackerbau und Sesshaftigkeit sowie der Zusammenhalt des Imperiums standen nun im Vordergrund.45

    Darüber darf jedoch nicht übersehen werden, dass Katharina II. das Zarenreich in einem Kontinuum der Europäisierung sah: "Russland ist eine europäische Macht" heißt es zu Beginn ihrer Instruktion für die Gesetzgebende Kommission von 1767, die vor der Aufgabe stand, ein neues Gesetzbuch auszuarbeiten.46 Die Instruktion machte unverhohlene Anleihen bei aufklärerischen Köpfen wie Montesquieu (1698–1755) und Cesare Beccaria (1738–1794). In ihrem Regelwerk bekannte sich Katharina II. zu guter Gesetzgebung, Gewaltenteilung und der Abschaffung der Körperstrafen. Um der Bevölkerung die Gesetze bekannt zu machen, rückte die Bildungspolitik auf die Agenda der Kaiserin. Ihre Politik fiel in den folgenden Jahrzehnten jedoch in vielen Fällen hinter solch idealistische Standards zurück. Die Leibeigenschaft der russischen Bauern war in der Zeit Katharinas II. am schärfsten ausgeprägt.47 Die Bildungspolitik der Kaiserin war zwar ambitioniert, es gelang aber nicht in den Dörfern einen allgemeinen Unterricht einzuführen.48 Trotzdem schaffte es Katharina II. durch ihre engen Kontakte mit den Größen der französischen Aufklärung, den Anschein einer aufgeklärten Monarchin aufrechtzuerhalten. Mit Voltaire (1694–1778)[Voltaire (1694–1778) IMG] unterhielt Katharina II. einen Briefwechsel. Denis Diderot (1713–1784) half sie aus einer finanziellen Notlage, indem sie seine Bibliothek erwarb und ihm bis an sein Lebensende als Dauerleihgabe überließ.49

    Nachdem Russland 1783 die annektiert und das islamische , den letzten Nachfolgestaat der Goldenen Horde der Mongolen, aufgelöst hatte, unternahm Katharina II. in Begleitung des Kaisers Joseph II. (1741–1790, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 1765–1790) und des französischen Botschafters in Sankt Petersburg Comte Louis-Philippe de Ségur (1753–1830) eine Reise auf die mittlerweile genannte Halbinsel. Diese Namensgebung griff die antike griechische Geschichte und Bezeichnung der Krim auf. Im Kontext der europäischen Antikenrezeption des späten 18. Jahrhunderts sollte sie verdeutlichen, dass Russland einen Beitrag zur Wiederaneignung hellenischer Kultur in Abgrenzung vom Osmanischen Reich leistete. Teil der Reise war ein Kulturprogramm von Feierlichkeiten und Inszenierungen, die die Vorstellung von Russland als Protagonisten europäischer Zivilisation untermalten.50 Die Taurien genannte Krim verband Russland nicht allein symbolisch mit Europa. Die russische Eroberung der nördlichen Schwarzmeerküste eröffnete über das Meer und die Donau dem russischen Export neue Wege. Im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts überstieg der Weizenexport über die Schwarzmeerhäfen denjenigen und Sankt Petersburgs. Die Ukraine erwies sich hier nicht allein als Kornkammer Russlands, sondern auch Europas.51

    Zugleich war die Europäisierung im späten 18. Jahrhundert kein Projekt, das die Kaiserin allein verfolgte. Kultur und Alltag des Adels und auch einiger Geistlicher zeigten, wie die Rezeption französischer Kultur und der Aufklärung 1762 aufgehoben worden war, wandte sich die Aristokratie verstärkt dem Leben auf dem Lande zu. Die Adligen, die es sich leisten konnten, investierten in die standesgemäße Ausstattung ihrer Landsitze. Architektur, Gartengestaltung, Bibliotheken und Feste brachten Europa in die russische Provinz. Französisch war die Verkehrssprache des Adels in Russland.52 Zugleich entsprach der Identitätsentwurf vieler Adliger einem Konzept, das den "wahre[n] Sohn des Vaterlandes" als loyalen Diener der Kaiserin und russischen Patrioten sowie als europäisch gebildeten und aufgeklärten Mensch auffasste.53 Religion und Aufklärung schlossen sich keinesfalls gegenseitig aus. Als 1771 eine Pestepidemie Moskau plagte, suchten die Gläubigen höheren Beistand, indem sie die Ikone der Gottesmutter von Bogoljubowo am Varvara-Tor des Stadtteils küssten. Aus Angst vor der Ansteckungsgefahr, die durch die Berührungen von der Ikone ausging, ließ der Erzbischof Amvrosij (1708–1771) das Kunstwerk in einer Kirche wegschließen. Seine aufgeklärte Sorge um das Leben der Gläubigen bezahlte er mit dem Tod: Ein aufgebrachter Mob wurde dem Erzbischof zum Verhängnis.54

    Ferner erfuhr die Aufklärung im Russland des späten 18. Jahrhunderts eine gewisse Institutionalisierung. 1766 war die Freie Ökonomische Gesellschaft in Sankt Petersburg gegründet worden, die physiokratische Ideen aufgriff und zum Ziel hatte, die landwirtschaftliche Produktivität im Zarenreich zu steigern.55 Auch in Freimaurerlogen hielt die Aufklärung Einzug. Nikolaj I. Novikov (1744–1818) darf als prominentester adliger Vertreter unter Russlands Freimaurern gelten. Er unterhielt Zeitschriften, engagierte sich philanthropisch, richtete Schulen ein und unterstützte Küchen für Waisen und Bedürftige.56 Aleksandr N. Radiščev (1749–1802) veröffentlichte 1790 seine Beschreibung einer Reise von St. Petersburg nach Moskau.57 Darin prangert er die untragbaren Lebensumstände russischer Bauern in der Leibeigenschaft an. Daraufhin traf Novikov und Radiščev der Bannstrahl der Autokratie. Novikovwar von 1792 bis 1796 in der Festung Schlüsselburg inhaftiert. Radiščev bezahlte für sein Werk mit der Verbannung nach Sibirien. Die Bestrafungen der beiden standen bereits unter ganz anderen Zeichen als die emphatische Begrüßung der Aufklärung in der frühen Zeit Katharinas. Die Französische Revolution und die Reformanstrengungen Polen-Litauens unter seinem König Stanisław August II. von Polen (1732–1798, regierte 1764–1795), vor allem die Verabschiedung einer polnisch-litauischen Verfassung am 3. Mai 1791 ließen die Aufklärung in den Augen Katharinas in einem anderen, insbesondere für die russische Autokratie gefahrvollen Licht erscheinen.58

    Russland und Europa 1789–1855: Revolution, Nation und Imperium

    Von der französischen Revolution 1789 bis zum Krimkrieg 1853–1856 kam es zu neuen Komplikationen im Verhältnis zwischen Russland und Europa. Die politische und kulturelle Verflechtung zwischen Russland und Europa war ungebrochen; gleichzeitig wurde der Abgrenzungsdiskurs beidseitig mit unverminderter Stärke fortgeschrieben. In Russland wurde der interne Streit darüber, wie man sich gegenüber Europa verhielt, nun zu einem dauerhaften Thema des öffentlichen und gelehrten Gesprächs. Das revolutionäre Europa, seine Nationenbildungen und das geteilte Polen blieben zwischen den Revolutionen von 1789 bis 1848 eine stete Herausforderung für das autokratische Russland. Zugleich kann aber die Geschichte Europas jener Zeit nicht ohne einen Blick auf Russland geschrieben werden. Als Großmacht war Russland fest in der Pentarchie der europäischen Mächte verankert.

    1789/1790 hielt sich Nikolaj M. Karamzin (1766–1826) im Rahmen seiner Europareise, die ihn unter anderem durch und die führte, in auf. In seinen Briefen eines reisenden Russen dokumentierte er vordergründig die Revolutionsereignisse in der französischen Hauptstadt. Zugleich führte seine Publikation aber auch vor Augen, mit welcher Selbstverständlichkeit die europäische Grand Tour im späten 18. Jahrhundert zur Sozialisation eines russischen Adligen gehörte. Ungeachtet dieser Routine waren reisende Russen in Europa auf Schritt und Tritt mit den europäischen Vorstellungen von einer russischen Rückständigkeit konfrontiert. Karamzin berichtet unter anderem von einem Gespräch, in dem er sich zu dem Eingeständnis gezwungen sah, dass die Geschichtsschreibung über Russland in avancierter sei als in Russland selbst.59

    Von 1789 an lassen sich die Reaktionen Russlands auf die Vorgänge im revolutionären Frankreich in drei Phasen einteilen.60 In der ersten Phase von 1789 bis 1799 stand das imperiale Russland der revolutionären Republik verständnislos gegenüber. Vor allem die Gewalt der Revolution rief am Hof und unter den Gebildeten Fassungslosigkeit hervor. So hatte man sich in Russland das Licht der Aufklärung nicht vorgestellt. Adlige Emigranten aus Frankreich, die in Russland Zuflucht fanden, taten ein Übriges, das russische Revolutionsbild zu verdüstern. Seit 1792 unternahm die autokratische Regierung vieles, um Ströme von Nachrichten aus Frankreich nach Russland und von Menschen aus Russland nach Frankreich zu unterbinden. Gebildete in Russland versuchten sich mit Hilfe historischer Analogien einen Reim auf die Geschehnisse in Frankreich zu machen. Eine häufig geäußerte Frage lautete, ob eine Figur, ähnlich wie Caesar, die Revolution in geordnete Bahnen führen würde. Mit dem Aufstieg Napoleons (1769–1821, Kaiser 1804–1814)[Napoleon Bonaparte (1769–1821) IMG] 1799 begann die zweite Phase, in der sich bis 1814 zwei Imperien gegenüberstanden. In dieser Auseinandersetzung konnte Russland auf Erfahrungen zurückgreifen, die es mit der Konkurrenz zwischen Imperien bereits gesammelt hatte. Der Konflikt verlagerte sich von der unbekannten revolutionär-ideologischen Sphäre in die gewohnte Dimension der Rivalität zwischen Großmächten. Dabei durfte durchaus vom Gegner gelernt werden. Michail M. Speranskij (1772–1839), der einflussreichste Ratgeber in der Reformära Alexanders I. (1777–1825, regierte 1801–1825) im Jahrzehnt von 1801 bis 1811, orientierte sich für viele seiner Reformprojekte an französischen Vorbildern. Zur Verfassung eines neuen russischen Gesetzbuches studierte er den Code Napoleon. Bei der Reform der obersten Staatsbehörden ließ ihn der französische Conseil d'Etats eine Institution vorschlagen, die fortan bis zum Ende des Reiches 1917 "Staatsrat" (Gosudarstvennyj Sovet), im Deutschen häufig "Reichsrat" genannt, hieß und als oberstes Organ unterhalb des Kaisers firmierte. Die russische Bildungspolitik, in der Alexander I. die Universitätslandschaft Russlands neu ordnete, orientierte sich eher an französischen Vorstellungen des Staatsnutzens als am deutschen Konzept der Persönlichkeitsbildung: "Die russische nauka glich mehr der französischen science als der deutschen Wissenschaft".61

    Die russische Wahrnehmung Napoleons deckte die ganze Bandbreite vom Genie bis zum Satan ab. Gebildete wollten in ihm eine historische Figur von der Bedeutung eines Peters des Großen sehen. Während des Russlandfeldzuges 1812 galt er der orthodoxen Kirche als Dämon und Satan. Alexander I. übernahm diese sakrale Überhöhung des Mächtekonflikts, dessen Verlauf dem orthodoxen Kalender folgte: zu Weihnachten 1812 war die Grande Armée aus Russland zurückgedrängt; zu Ostern 1814 wurde im Beisein des Zaren eine orthodoxe Osterliturgie auf dem Place de la Concorde gefeiert – dort wo die Revolutionäre 1792 je nach ideologischer Lesart den Bürger Louis Capet oder den ehemaligen Monarchen Louis XVI. (1754–1793, regierte 1774–1792) hingerichtet hatten. Den übrigen Mächten in Europa indes blieb die religiöse Überzeugung des russischen Zaren fremd. Alexander I. begriff in seinem Projekt einer Heiligen Allianz Politik konfessionsübergreifend religiös. Die Monarchen erschienen ihm als fürsorgende Hüter ihrer Untertanen, und im Umgang miteinander sollten sich die Staaten vom Geist christlicher Nächstenliebe leiten lassen. Clemens von Metternich (1773–1859) stutzte Alexanders I. Entwurf auf jene Form zurück, die nach dem Wiener Kongress 1814/1815 als Bündnis der drei schwarzen Adler für die konservative Restauration in der und im Osten Europas stand.62 Wenngleich Alexanders I. Projekt eines christlichen Europa sich nicht in reale Politik übersetzen ließ, konnte er sich nach den napoleonischen Kriegen mit dem Ruhm des "Retters Europas" vom napoleonischen Hegemonialversuch schmücken.63

    Für Russland begann im Blick auf das revolutionäre Frankreich, Europa und sein eigenes Selbstverständnis nach 1815 eine dritte Phase der Suche nach neuen Wegen. Das gewonnene militärische und machtpolitische Prestige brachte Russland in einer intensivierten Rezeption der französischen Empire-Architektur zum Ausdruck. Foren, Triumphbögen und DenkmälerAlexandersäule auf dem Petersburger Platz, von einem Fenster der Hermitage aus gesehen, Sankt Petersburg, Farbphotographie, 2004, Photograph: Walter Smith; Bildquelle: Wikimedia Commons, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Petersburg-square.jpg, Creative Commons Attribution 2.0 Generic license, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/. übernahmen die imperiale Formensprache des besiegten Frankreichs.64 Doch hinter der selbstbewussten Repräsentation der Autokratie wirkte die revolutionäre Herausforderung Frankreichs und Europas ungebrochen fort. Verfassungsfragen und Nationenkonzepte prägten nach 1815 die Agenda der Gebildeten. Junge Offiziere, die das zarische Russland in seinen Kriegen gegen die Revolution und Napoleon durch Europa geschickt hatte, diskutierten Verfassungsprojekte – sei es einer konstitutionellen Monarchie oder einer Republik – und machten sich Gedanken, wie Russland die revolutionäre Gewalt Frankreichs der 1790er Jahre erspart werden könnte.

    Ihren Namen erhielten diese Offiziere, nachdem sie im Dezember 1825 ihre Zeit für gekommen hielten. Auf dem Petersburger Senatsplatz verweigerten sie dem neuen Zaren Nikolaus I. (1796–1855, regierte 1825–1855) den Eid in der Hoffnung, Russland in eine konstitutionelle Zukunft führen zu können. Der Versuch scheiterte freilich noch auf dem Senatsplatz, wo loyale Truppen der Erhebung ein Ende bereitetenVasiliy Fedorovich Timm (1820–1895), Die berittene Leibgarde schlägt den Aufstand gegen Nikolaus I. am 14. Dezember 1825 auf dem Senatsplatz nieder, Öl auf Leinwand, 196 x 129 cm, 1853; Bildquelle: Mit freundlicher Genehmigung des Staatlichen Museums Eremitage St. Petersburg, inv. ЭPЖ-2379, http://www.hermitagemuseum.org/wps/portal/hermitage/digital-collection/01.+Paintings/335362/?lng=en. . Der Monat Dezember (russisch dekjabr') gab dieser Gruppe Offiziere den Namen Dekabristen. Fünf Todesurteile wurden vollstreckt, weitere Dekabristen nach Sibirien verbannt. Doch damit war die konstitutionelle Herausforderung Russlands nicht passé. Das und das Königreich Polen verfügten im Rahmen des Russländischen Imperiums über eigene Verfassungen. Polnische Adlige sannen jedoch auf eine vollständige Wiederherstellung polnischer Souveränität und erhoben sich im Novemberaufstand 1830, den Impuls der französischen Julirevolution aufgreifend, gegen die Zarenherrschaft. Der Aufstand kulminierte in der Absetzung Nikolaus I. als polnischer König, woraufhin Sankt Petersburg die Erhebung militärisch niederschlagen ließ. wurde in den folgenden Jahren zu einer der größten Festungen im Russländischen Reich ausgebaut. Zahlreiche polnische Adlige begaben sich in die Emigration, vor allem nach Paris. Auf ihrem Weg mag ihnen die in den  Territorien des öffentlich gezeigte Polenbegeisterung ein Trost gewesen sein[Empfang der ersten Abtheilung polnischer Helden 1832 IMG].65

    Der Aufstand der Dekabristen und der polnische Novemberaufstand zeigten, dass Vorstellungen von Nation, die auf die politische Souveränität eines Volkes abhoben, die Zarenherrschaft wiederholt herausforderten. Der russische Bildungsminister Graf Sergej S. Uvarov (1786–1855) reagierte 1833 darauf, indem er die im Folgenden nach ihm benannte offizielle Triade russischen Selbstverständnisses verkündete: Autokratie, Orthodoxie, Volkstümlichkeit (avtokratija, pravoslavie, narodnost'). Der russische Begriff narodnost' (Volkstümlichkeit) deutet auf eine massive semantische Auseinandersetzung um das Wortfeld Nation und Volk im Russischen hin. Die Nation als demos wird ab dieser Zeit im Russischen als nacija bezeichnet. Der Begriff findet sich in der Sprache der Gebildeten dieser Zeit in Russland. Narod hingegen bringt die Nation als etnos und mit ihr verbundene kulturelle Überlieferungen zum Ausdruck. Uvarov versuchte mithin, ein Zugeständnis an die nationale Terminologie des frühen 19. Jahrhunderts zu machen, ohne ein Jota von der unbeschränkten Machtfülle der Autokratie abzuweichen.66 Zugleich lässt sich die Triade "Autokratie, Orthodoxie, Volkstümlichkeit" als russische Entgegnung auf die französische Losung "liberté, égalité, fraternité" lesen.

    Die Uvarovsche Fixierung auf die eigene Identität und die ideell-politische Abgrenzung von Europa schien vielen Intellektuellen ein Dorn im Auge – so auch Petr Ja. Čaadaev (1794–1856), der 1829 in seinem Ersten Philosophischen Brief eine bittere Bilanz der russischen Geschichte zog. In seinen Augen habe Russland im Lauf der Jahrhunderte keinen Beitrag zur Entwicklung von Kultur und Zivilisation geleistet. Was Russland aus dem Ausland rezipiert habe, sei stets unfruchtbar umgesetzt und damit verdorben worden. Russland stehe allein abseits der Menschheit und außerhalb ihrer Kulturgeschichte. Alexander Puschkin (1799–1837) schrieb daraufhin Čaadaev einen Brief, in dem er den Topos der Isolation Russlands aufnahm und versuchte, mit Sinn zu erfüllen: indem Russland im späten Mittelalter das Los der Mongolenherrschaft auf sich nahm, habe es Europa vor einem Mongolensturm bewahrt und damit die Voraussetzung für die kulturelle Blüte Europas in der Neuzeit geschaffen.67 Ohne es zu wollen, hatte Puschkin einen Mythos begründet, der bis heute westlichen Russlandbildern unterliegt: die vollkommene Abgeschlossenheit des spätmittelalterlichen Russlands als Ursache für die vermeintliche Rückständigkeit Russlands in der Neuzeit.

    Čaadaevs Brief tat ferner sein übriges, einen gelehrten und studentischen Lesezirkel um Nikolaj V. Stankevič (1813–1840) in Moskau zu spalten. Man hatte sich getroffen, um gemeinsam die zeitgenössischen Philosophen Fichte, Schelling und Hegel zu lesen und zu diskutieren. Um den Brief Čaadaevs entspann sich nun eine Diskussion, die die junge Intelligenzija in zwei Lager teilte: Westler und Slavophile. In ihren Auffassungen von der Geschichte Russlands und vom Verhältnis Russlands zu Europa unterschieden sie sich fundamental. Begrüßten die Westler Peter den Großen als Reformator, auf dessen Spuren Russland weiter an Europa heran geführt werden sollte, so sahen die Slavophilen in ihm den Totengräber des alten vorpetrinischen Russlands, das es mit neuem Leben zu erfüllen galt. Die Orthodoxie und ihr Fokus auf die Gemeinsamkeit aller Gläubigen in der Gemeinde, die sobornost', waren den Slavophilen wichtige Ideale, die die Eigenart und Eigenständigkeit Russlands bewahren sollten.

    Die russischen Reaktionen auf die Revolutionen 1848/1849 in Europa machten die Unterschiede zwischen Westlern und Slavophilen deutlich. Während Alexander Herzen (1812–1870) in seinem Schweizer Exil das Scheitern der liberalen Revolution beklagte, sah Fedor I. Tjučev (1803–1873) in der revolutionären Gewalt und Unruhe eine Bestätigung der slavophilen Geschichtsphilosophie und ihres Imperativs, sich auf russische Eigenart und orthodoxe Werte zu besinnen.68 Ein Teil der Bauernschaft in Russland hatte dies freilich anders wahrgenommen. Gerüchte über die Revolution aus Europa fanden unter russischen Leibeigenen ein interessiertes Publikum, das an sie die Hoffnung knüpfte, die Leibeigenschaft abschütteln zu können.69 Nikolaus I. wiederum erwies sich als "Gendarm Europas",70 der auch nach dem Ende der Ära Metternich für die konservativen Werte und Interessen der Wiener Ordnung von 1814/1815 eintrat. Mit einer militärischen Intervention sprang der Zar den Habsburgern zu Hilfe und schlug die Revolution in nieder.

    Das damit verbundene negative Russlandbild in Europa – "Die Russen kommen" lärmte die Berliner Flugschrift Krakehler am 22. Juni 184871 – ließ sich im Krimkrieg 1853–1856 mühelos fortschreiben. Gustave Dorés (1832–1883) Historie vom Heiligen Russland – eine "Geschichte" Russlands in Form eines Comics – brachte sämtliche negativen Russlandvorstellungen Europas zwischen zwei Buchdeckeln zusammen: despotische Autokratie, polizeistaatliche Willkür, grenzenlose Gewalt und bedrückende Unfreiheit.72

    Russland und Europa 1855–1917: Imperium und Globalisierung

    Neben dem Fortbestehen negativer Stereotypen darf ein signifikanter Wandel Russlands im Verhältnis zu Europa und der Welt seit den 1850er Jahren jedoch nicht übersehen werden. Der Regierungsantritt Alexanders II. (1818–1881, regierte 1855–1881) 1855 eröffnete eine Phase massiver Umgestaltungen Russlands von oben. Die Herrschaft Alexanders II. gilt der Historiographie als Epoche der Großen Reformen.73 Die Geschichte Russlands von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1917 wird häufig als Geschichte von Reform, Gegenreform und Revolution geschrieben.74 Während der ihrem äußeren Anschein nach ruhigen und restaurativen Zeit Nikolaus I. war in Russland jedoch eine Gruppe aufgeklärter Bürokraten ausgebildet worden, deren Reformideen ab 1855 weiter entwickelt und partiell realisiert wurden. Zu diesen Ideen zählten die Aufhebung der Leibeigenschaft 1861, die Justizreform und die Reform der Lokalverwaltung 1864 sowie die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1874. Die Bürokraten, die die Reformen erdachten und umsetzten, waren über entsprechende Modelle in den Ländern Europas informiert.75 Ein Teil der Russlandhistorikerinnen und -historiker vertreten die Meinung, dass die Orientierung an europäischen Zivilisationsstandards und Vorstellungen Russland politisch als Nationalstaat zu organisieren, ausschließlich für die Eliten im späten Zarenreich leitende Handlungsmaßstäbe gewesen seien.76 Darüber geraten jedoch Aspekte aus dem Blick, die sowohl hinsichtlich der Herrschaftsstrukturen als auch der kognitiven Karten der Zeit um 1900 eine Differenz zwischen der russischen Nation und dem Russländischen Imperium belegen.77

    Transferdebatten dokumentierten in Russland seit Mitte des 19. Jahrhunderts einen breiten Horizont möglicher Entnahmekontexte. Russischen Akteuren wurde dabei zunehmend bewusst, dass Europa Russland nicht holistisch gegenüberstand. Vielmehr stellte sich Europa als ein Ensemble nationaler und sektoraler Modelle dar, deren Unterschiedlichkeit die Differenz zwischen Russland und Europa relativierte.78 Zugleich orientierte man sich auf der Suche nach brauchbaren Modellen für Russland an Beispielen jenseits von Europas Grenzen. Bei den Planungen für ein Eisenbahnnetz in Russland dienten die USA als gängige Referenz, ließ sich dort doch beobachten, wie das Verkehrsmittel dabei half, ein riesiges Landreich zu durchdringen.79 Für die Entwicklung des russischen Anarchismus erscheinen zudem die Beobachtungen, die Lev Mečnikov (1838–1888) von 1874 bis 1876 auf seiner Japanreise machte, als wichtiger Impuls. Am Beispiel der Meiji-Ära hatte sich Mečnikov erschlossen, welchen Stellenwert kooperative Hilfe in der Selbstorganisation kleiner Gruppen besaß. Mečnikov entwickelte daraufhin eine soziale Maxime des Anarchismus, die auf dem Prinzip gegenseitiger Hilfe beruhte. Diese führte über den Imperativ Michail A. Bakunins (1814–1876), die bestehende Ordnung zu zerstören, hinaus und wurde schließlich von Petr A. Kropotkin (1842–1921) aufgegriffen. 80 Verwandt mit herkömmlichen Geschichten des Kulturtransfers ist die Geschichte der Professionalisierungen ab Mitte des 19. Jahrhunderts. In der Orientalistik, der Anthropologie, und dem Völkerrecht – um nur einige für das Zarenreich untersuchte Bereiche zu nennen – waren Wissenschaftler aus Russland in der jeweils internationalen Gemeinschaft des Faches vernetzt. Transfers erscheinen hier zirkulär auf unterschiedlichen Ebenen wie Ausbildung, Internationalisierung von Berufen und inhaltlichen Konzeptionen.81

    Russische Diskussionen über mögliche Bereiche, aus denen man Wissen transferieren konnte, gingen mit Debatten über das Selbstverständnis Russlands einher. Das Vorgehen des russländischen Imperiums erschien gegenüber dem der übrigen europäischen Kolonialmächte als Ausnahme: friedliche Expansion, Inklusion von Nichtrussen und Empathie für fremde Kulturen des Russländischen Reiches und Asiens standen in diesem Diskurs der gewaltsamen Expansion und Exklusion Anderer durch die europäischen Kolonialmächte gegenüber.82 Diese Sichtweise dominierte vor allem unter den sogenannten "Ostlern" (Vostočniki), die den Russen grundsätzlich eine erhöhte Empathie für asiatische Kulturen zuschrieben und sogar von einer russisch-asiatischen Seelenverwandtschaft ausgingen, die vom rationalistischen und verdorbenen Westen abzugrenzen war.83

    Dem standen freilich Diskurse gegenüber, die die Gemeinsamkeiten aller Imperien hervorhoben und Institutionen des Russländischen Reiches an Modellen der britischen und französischen Imperien orientieren wollten. In einer vielzitierten Zirkularnote betonte 1864 Russlands Außenminister Aleksandr M. Gorčakov (1798–1883), Russlands Expansion folge dem Muster der Erweiterungen aller Weltreiche: unsichere Grenzen zwischen imperialer Zivilisation und Barbaren zwängen die Imperien wiederholt dazu, Grenzen zu sichern und diese ungewollt zu verschieben.84 In der Expansion Russlands nach sah Fedor Michajlovič Dostoevskij (1821–1881) 1881 in seinem Tagebuch eines Schriftstellers gar die ultimative Möglichkeit, dem europäischen Publikum die Kultur- und Zivilisationstauglichkeit Russlands zu demonstrieren: "In Europa waren wir nur Gnadenbrotempfänger und Sklaven, nach Asien kommen wir aber als Herren. In Europa waren wir nur Tataren, in Asien sind wir aber Europäer."85 Ganz im Sinn eines solchen Auftreten Russlands als europäische Kolonialmacht favorisierte im frühen 20. Jahrhundert ein Teil der russländischen Zentraladministration die Einrichtung eines Kolonialministeriums, das für die asiatischen Reichsteile zuständig sein sollte. Das Projekt wurde jedoch nicht realisiert.86

    Die Fremdwahrnehmungen Russlands in verschiedenen Weltregionen reflektierten die unterschiedlichen Positionierungen Russlands vis-à-vis Europa. In wurde das Zarenreich zuvorderst als ein Reich angesehen, das sich im Unterschied zu den übrigen Imperien Europas nicht am sogenannten Scramble for Africa beteiligt hatte. Damit hob sich Russland aus afrikanischer Perspektive positiv von den ausbeuterischen europäischen Kolonialmächten ab.87 Die Teilnahme russischer Freiwilliger an der Seite der Buren im Krieg gegen das Britische Empire 1899–1902 tat ein Übriges, um in der Fremdwahrnehmung die Opposition Russlands zu europäischen Kolonialmächten zu verfestigen.88 Dem standen jedoch Fremdpositionierungen Russlands in , und gegenüber, in denen gerade Russlands Zugehörigkeit zum Konzert der großen europäischen Mächte zentral war. Die empfindlichen Niederlagen, die Japan dem Zarenreich im russisch-japanischen Krieg 1904/1905 beigebracht hatte, sahen Menschen in Ägypten, Indien und China als ersten Schlag gegen eine europäische Großmacht, woraus sich Hoffnungen auf eine Emanzipation vom Kolonialismus schöpfen ließen.89

    Freilich darf von den Diskursen nicht auf die Praktiken und Strukturen geschlossen werden. Ein aussagekräftiges Beispiel für die Parallelität eines Diskurses der Differenz bei gleichzeitiger struktureller Ähnlichkeit der Herrschaftstechniken bietet ein Blick auf und im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Mochten die gegenseitige rhetorische Opposition und die wechselseitigen Vorwürfe ungebremster Expansion und räuberischer Unterdrückung der asiatischen Untertanen zwischen Russen und Briten in auch noch so ausgeprägt sein: Turkestan und Indien stellten in der Praxis vergleichbare koloniale Herrschaftssysteme dar.90

    Wie die voranstehenden Beispiele für Fremdwahrnehmungen Russlands und die imperiale Konstellation in Zentralasien belegen, nahmen ab Mitte des 19. Jahrhunderts Russlands Verflechtungen mit anderen Regionen der Welt zu. Auf vielen Ebenen war das Zarenreich an der Globalisierung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts beteiligt. Auf der ersten Weltausstellung in London 1851 hatte sich das Zarenreich noch in einer Form präsentiert, die ungewollt negative Fremdwahrnehmungen bestätigte. Das agrarische Russland erschien hier als Kontrastfolie zum industrialisierten England – ganz anders auf den Pariser Weltausstellungen 1889 und 1900. Dort stellte Russland die Transsibirische EisenbahnTranssibirische Eisenbahn, Blau: Aktuelle Streckenführung, Rot: Ursprüngliche Streckenführung, Karte, 2013, Ersteller: Reinhard Dietrich; Bildquelle: Wikimedia Commons, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Transsibirische_Eisenbahn.png, gemeinfrei. als transkontinentales Projekt vor, das Europa und Asien verbinden werdeGeorg Malkowsky: Die Pariser Weltausstellung in Wort und Bild, Berlin 1900, S. 461; Bildquelle: © Universitätsbibliothek Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/malkowsky1900, Creative Commons-Lizenz CC-BY-SA 3.0 DE, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/.. Russland demonstrierte damit den Anschluss an eine Moderne, die davon gekennzeichnet war, den Raum zu beherrschen und die Kommunikation zu verdichten.91 Russlands Teilhabe an der Globalisierung um 1900 war nicht auf Repräsentationen und Wahrnehmungen beschränkt. Eine Vielzahl von Geschichten, die Europa und die Welt um 1900 prägten, lassen sich nicht ohne Berücksichtigung Russlands und des russischen Anteils als Entnahmekontext in Transferketten schreiben. Anarchismus, Pazifismus, Terrorismus, Ballett und die Avantgarde sind hier zu nennen.92 Nicht zuletzt die völkerrechtliche Ordnung des frühen 20. Jahrhunderts kam unter signifikanter Mitwirkung Russlands zustande, wie ein Blick auf die Geschichte des Kriegsrechts, der Anfänge des humanitären Völkerrechts und der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit zeigt.93 Die politische Verflechtung Russlands und Europas belegt den Anteil des Zarenreiches an der Entfesselung des Ersten Weltkriegs.94 Im Ersten Weltkrieg gingen gleichermaßen das global dominante Europa und das europäisierte Zarenreich unter.

    Martin Aust

    Anhang

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    Anmerkungen

    1. ^ Lemberg, Osteuropabegriff 1985.
    2. ^ Dahlmann, Osteuropäische Geschichte 2005; Suppan, Osteuropäische Geschichte 2007.
    3. ^ Karamzin, Istorija gosudarstva rossijskogo 1835.
    4. ^ Bassin, Turner 1993.
    5. ^ Ključevskij, Russkoj Istorii 1923, vol. 3, S. 324–355.
    6. ^ Platonov, Moskva i zapad 1925.
    7. ^ Plaggenborg, Experiment Moderne 2006, S. 105–119.
    8. ^ Die Nennung der Alltagsgeschichte in einem Atemzug mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte mag verblüffen. Sie erklärt sich dadurch, dass Carsten Goehrke (*1937) in seiner Synthese russischer Alltagsgeschichte die Moderne als Folie verwendet, die die russische Alltagsgeschichte periodisiert. Vgl. Goehrke, Russischer Alltag 2003–2005.
    9. ^ Gerschenkron, Economic Backwardness 1962; Gerschenkron, Russian Mirror 1970; Beyrau, Reformen 1996. Zuletzt als Synthese und unter Zugrundelegung des Paradigmas der Rückständigkeit: Hildermeier, Geschichte Russlands 2013.
    10. ^ Geyer, "Gesellschaft" 1975; Geyer, Der russische Imperialismus 1977, S. 99.
    11. ^ Vgl. Nolte, Geschichte Russlands 2012. Die Grenze zwischen Sozial- und Ideengeschichte lotete Manfred Hildermeier (*1948) aus, der die Geistesgeschichte Russlands seit dem 18. Jahrhundert in der Formel vom "Privileg der Rückständigkeit" zusammenfasste. Zwar liege Russland gegenüber Europa zurück, doch beinhalte diese Konstellation die Chance, vergangene Fehler Europas zu vermeiden und aus seinen Erfahrungen zu lernen, um es in Zukunft umso schneller ein- oder gar zu überholen – so die Denkfigur vom Privileg der Rückständigkeit, die seit der Aufklärung russischen Selbstvergewisserungsdebatten gegenüber Europa zugrunde lag. Vgl. Hildermeier, Das Privileg 1987. Ein ambitionierter Versuch eines russischen Historikers, auf das europäische Narrativ der Rückständigkeit zu antworten, stammt von Boris Mironov (*1942). Seine Sozialgeschichte Russlands im 18. und 19. Jahrhundert zielt darauf ab, auf vier Feldern Russlands Gleichschritt in der europäischen Geschichte zu demonstrieren: Der demographische Umbruch von der Groß- zur Kleinfamilie, Rechtsstaatlichkeit, Zivilgesellschaftlichkeit und die Vorstellungen von Individualität und Persönlichkeit sieht Mironow als Phänomene der Moderne in Russland und Europa. Vgl. Mironov, Social'naja istorija 1999.
    12. ^ Masaryk, Russische Geistes- und Religionsgeschichte 1992; Schelting, Rußland und Europa 1948; Masaryk, Rußland und der Westen 1989; Groh/Tschižewskij, Europa und Rußland 1959; Malia, Russia 1999.
    13. ^ Vgl. Herrmann, Deutsche und Deutschland 1989–2006; Keller, Russen und Rußland 1985–2000.
    14. ^ Sdvižkov, Intelligenz 2006.
    15. ^ Schenk, Mental Maps 2013.
    16. ^ Alekseeva, Diffuzija evropejskich 2007; Aust, Imperium inter pares 2010; Doronin, Vvodja nravy 2008; Renner, Russische Autokratie 2010. Die transfergeschichtliche Dimension der Begriffsgeschichte betont: Miller, "Ponjatija o Rossii" 2012. Russland als Entnahmekontext verschiedener Akteure in der Welt des späten 19. und 20. Jahrhunderts beschreibt: Marks, Russia 2003.
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    : Russland und Europa in der Epoche des Zarenreiches (1547–1917), in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz European History Online (EGO), published by the Leibniz Institute of European History (IEG), Mainz 2015-11-24. URL: https://www.ieg-ego.eu/austm-2015-de URN: urn:nbn:de:0159-2015110919 [JJJJ-MM-TT][YYYY-MM-DD].

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