Modelle und Stereotypen

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Modellbildungen und Stereotypen in interkulturellen Transferprozessen

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Jean-Léon Gérôme (1824–1904), Une piscine dans le harem, ca. 1876, © Eremitage St. Petersburg

Modellbildungen unterschiedlicher Dauer, Ausstrahlungskraft und Reichweite lassen sich in der europäischen Geschichte der Neuzeit immer wieder beobachten. Beginnend mit dem "Modell Antike" und dem "Modell Italien" in der Renaissance und endend mit dem "Modell Amerika", das bis weit in die Nachkriegszeit Wirksamkeit behielt, bietet dieser Themenstrang einen Durchgang durch 500 Jahre europäischer (Kultur-)Geschichte. "Modell" meint hier eine Repräsentation, die von den Modellhervorbringern auf die Merkmale reduziert wurde, die im Hinblick auf bestimmte Motive relevant erschienen, und die für bestimmte Subjekte während eines bestimmten Zeitraums eine Ersetzungsfunktion erfüllt. Diese sind häufig verbunden mit der Wahrnehmung eines "Kulturgefälles", das heißt, das jeweilige Modell wird als "überlegen", als fortschrittlich wahrgenommen. Die Orientierung am Modell verspricht so Modernisierungsgewinne. Fremd- und Selbstwahrnehmungen spielen eine zentrale Rolle bei der Konstruktion solcher Modelle. Insbesondere Stereotypen stellen, indem sie komplexe Realitäten reduzieren und so handhabbar machen, Selektionsinstrumente bzw. Abwehrmechanismen dar. Sie unterliegen zum Teil rasch wechselnden Konjunkturen: Anglophilie konnte in Anglophobie umschlagen und umgekehrt. Die Selbst- und Fremdwahrnehmungen färben wiederum auf die Transferinhalte und deren Akzeptanz ab: Spanisches Hofzeremoniell, französische Mode, englischer Garten oder die US-amerikanische Mickey Mouse sind nicht nur mit mehr oder weniger eindeutigen Herkunftskonnotationen versehen, sondern auch verbunden mit einem komplexen Geflecht aus Konzepten und Gefühlen – positiven wie negativen.

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Beispiele

Im 16. Jahrhundert war Spanien – als Teil der habsburgischen Besitzungen, in denen "die Sonne niemals unterging" – die führende Macht Europas. Der Überblick Das spanische Jahrhundert beleuchtet die Bedingungen und Voraussetzungen für diesen spektakulären Aufstieg zur Weltmacht und untersucht, welche Transfers dadurch ausgelöst wurden. So prägten zum Beispiel das spanische Hofzeremoniell und die spanische Hoftracht die Selbstdarstellung der Fürstenhäuser bzw. Oberschichten Europas. Gleichzeitig wird jedoch auch deutlich, dass das, was als "spanisch" apostrophiert wurde, bereits das Resultat einer Vermischung (métissage) verschiedenster Kulturen war – so war die spanische Baukunst des 16. Jahrhunderts sowohl von der italienischen Renaissance als auch von gotisch-maurischen Traditionen beeinflusst.
"Spanien" konnte allerdings auch mit dezidiert negativen Stereotypen verbunden werden, wie das Basiselement Die Leyenda negra zeigt. Als im 19. Jahrhundert aufgekommener Begriff bezeichnet die "Schwarze Legende" eine im restlichen Europa verbreitete gegen die Spanier gerichtete Einstellung, deren Ursprünge angeblich im 16. Jahrhundert liegen und der zufolge Spanien ein Feind aller Neuerungen sei, ignorant, fanatisch und unfähig, unter den kultivierten Völkern zu bestehen. Der Beitrag zeichnet die Spanien-Bilder in verschiedenen Ländern Europas nach und schildert die Ereignisse, die Anlass zum Entstehen anti-spanischer Vorurteile gaben. Obwohl sich keine systematische Verunglimpfung der Spanier nachweisen lässt, kam die Vorstellung einer Leyenda negra gerade den Spaniern selbst sehr gelegen, da unter ihrem Schutz jedwede Kritik an Spanien als unfundierter Teil der "Schwarzen Legende" zurückgewiesen werden konnte.