Europäische Netzwerke

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Transfer von Ideen, Techniken und Praktiken in persönlichen Beziehungsgeflechten

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Queen Victoria im Familienkreis, Holzschnitt 1877, Quelle: LoC

In gewisser Hinsicht kann das Netzwerk als Sinnbild für eine transkulturelle Geschichte Europas insgesamt gelten, die – allgemein gesprochen – die Perspektive über Strukturen und nationalstaatliche Kategorien hinaus auf grenzüberschreitende Vernetzungen erweitern will. Im Mittelpunkt steht das Beziehungsgeflecht aus Kommunikationsströmen, das Europa und die Welt bedeckt, das den individuellen Akteur einfängt und ihn auf verschiedensten Ebenen mit anderen Akteuren verknüpft. Die in diesem Themenstrang behandelten Netzwerke – verstanden als eine Summe von Verbindungen zwischen Menschen – weisen eine Verstetigung von Kommunikation zwischen regelmäßigen und identifizierbaren Akteuren auf Personenebene über Grenzen hinweg auf. In allen diesen Beziehungen tauschen Menschen Informationen und/oder Güter aus. Dabei transferieren sie, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, Ideen, Techniken oder Praktiken. Es kann sich sowohl um Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Dynastien, um Glaubensgemeinschaften als auch um wirtschaftliche bzw. politische Kooperationen oder gar um im Verborgenen operierende Geheimgesellschaften handeln.

Threads im Kontext

Beispiele

"Europa wurde bis zum Ende des Ancien Régime von einer großen Familie beherrscht – der Familie der europäischen Dynastien": So lautet eine These, der im Überblick Dynastische Netzwerke nachgegangen wird. Dieser untersucht die verwandtschaftlichen Bande der europäischen Fürstenhäuser. Um ihre Herrschaft zu sichern, setzten die europäischen Dynastien auf Kommunikation und Kooperation mit Verwandten, woraus differenzierte Netzwerke hervorgingen, die auch Transfers zwischen den vernetzten Familien und damit ihren Herrschaftsbereichen ermöglichten. Zwar stand hinter diesen Transfers meist keine bewusst verfolgte Intention, dennoch brachte das enge Netzwerk des europäischen Hochadels Übernahmen und Lernprozesse mit sich.
Eine spezifische Form der adligen Netzwerkbildung bildete die dynastische Heirat. Dieser Beitrag macht deutlich, dass die "Familie der Fürsten" kein gesamteuropäisches Netzwerk darstellte, sondern in bestimmte Heiratskreise untergliedert war, die seit der Frühen Neuzeit wesentlich von der Konfession bestimmt wurden. So gab es einen (protestantischen) britisch-norddeutsch-nordeuropäischen Heiratskreis und den französisch-süddeutsch-südeuropäischen, der katholisch geprägt war. Nur sehr selten kam es zu Heiraten außerhalb dieser Kreise, was die Möglichkeiten von Transfers einschränkte. Als besonders erfolgreiches Beispiel wird das Haus Sachsen-Coburg-Gotha herausgegriffen, das im 19. Jahrhundert durch strategisch geschickte Heiraten eine große Anzahl europäischer Königsthrone besetzen konnte.