Der Europäische Kulturbund

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PublishedErschienen: 2010-12-03
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    Gegründet durch den im habsburgischen Geist aufgezogenen Karl Anton Rohan, stellte der Europäische Kulturbund ein zunächst konservative und liberale Intellektuelle umfassendes Netzwerk von Publizisten, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden dar. Obgleich der transnationale Verständigungswille bei der Gründung Pate stand, führten die Betonung der nationalen Identität, die Ablehnung der Demokratie, die Rivalität zu anderen Verständigungsinitiativen und das Unvermögen des Gründers, aus wirren politischen Ideen und Europavorstellungen einen konstruktiven Dialog zu entwickeln, zum Misserfolg. Ins Auge springen hingegen der Beitrag des Kulturbunds zur Vorbereitung der "konservativen Revolution" und seine Affinität zum italienischen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus.

    InhaltsverzeichnisTable of Contents

    Einleitung

    Die sich zuspitzende Krisensituation in in den Jahren 1922 bis 1923 (österreichischer Staatsbankrott, ungarische und deutsche Hyperinflation, ) sowie die darauf folgende Periode politischer Verständigungsoffensiven zwischen der Reparationskonferenz und förderte auch – vordergründig "unpolitische" – Verständigungsbemühungen im kulturellen Bereich. Die dem Umfang nach bedeutendste Initiative auf diesem Gebiet war die Gründung des Europäischen Kulturbundes (1922) in und, darauf aufbauend, der Fédération internationale des Unions intellectuelles (1924) durch den Österreicher Karl Anton Rohan (bis 1918 Prinz Rohan, 1898–1975)[Karl Anton Prinz Rohan (1898–1975), schwarz-weiß Photographie, 1937, Photostudio Fayer, Wien; Bildquelle: Rohan, Karl Anton Prinz: Schicksalsstunde Europas: Erkenntnisse und Bekenntnisse: Wirklichkeiten und Möglichkeiten, Graz 1937. Scan IEG.].1

    Strenggenommen handelte es sich bei diesem europäischen Verband weniger um ein Europanetzwerk als vielmehr um ein Kulturnetzwerk. Seine europäische Orientierung blieb diffus, denn die Verständigungsrhetorik und der vordergründig gepflegte Meinungspluralismus wurden bald überschattet von konservativen, antidemokratischen und nationalistisch-antieuropäischen Tendenzen. Diese sind der zunächst verhaltenen, dann offenen Unterstützung des italienischen Faschismus durch Rohan geschuldet, der als einer der intellektuellen Wegbereiter einer "konservativen Revolution" innerhalb der Bewegung betrachtet werden muss.2 1935 trat Rohan in die Nationalsozialistische Partei ein. 1922 war diese Entwicklung freilich noch nicht zwingend absehbar, denn zu dieser Zeit waren für Rohan vor allem die Erfahrung des Ersten Weltkrieges und die persönliche Geschichte seiner Familie prägend.

    Karl Anton Rohan und die Sehnsucht nach einer konservativen "Elite des Geistes"

    Der 1898 geborene Rohan stammte aus einer alten französischen Adelsfamilie, die aufgrund der Französischen Revolution zur Auswanderung gezwungen war und in die flüchtete, wo sie sich in niederließ. Ihre männlichen Angehörigen stiegen schon bald in hohe Verwaltungs- und Regierungsämter auf. Durch die Familiengeschichte und den habsburgischen Konservatismus geprägt, lehnte Rohan die "Ideen von 1789" – Parlamentarismus, Demokratie, Gleichheit und Freiheit – rigoros ab. Die Werte der westlichen Demokratie betrachtete er als veraltet; sie seien im Ersten Weltkrieg gescheitert.3 Die Auflösung der Habsburger Monarchie und ihre Aufspaltung in kleine Republiken am Ende des Ersten Weltkriegs erschütterten die Identität des Adligen in ihren Grundfesten und veranlassten ihn, nach neuen, Identität stiftenden Projekten Ausschau zu halten. Das Denken müsse durch Intellektuelle erneuert, der Verlust der Werte durch den Krieg behoben und das geistige Chaos sowie die Intoleranz bekämpft werden, so Rohan 1924 in einem an die französische Öffentlichkeit gerichteten Appell.4

    Wie eine programmatische Schrift5 Rohans von 1923 deutlich macht, sehnte er sich nach einer Rekatholisierung Europas oder wenigstens der Einrichtung einer Ökumene sowie nach der Umkehr des antireligiösen Rationalismus der Aufklärung. Außerdem strebte er die Wiederherstellung einer transnationalen Adelsherrschaft an. Letztere konnte seiner Auffassung nach nicht mehr auf dem 1918 gescheiterten, alten Geburtsadel beruhen, sondern nur auf einer Allianz der Eliten des Geistes, der Großindustrie und der Großfinanz. Sich selbst zählte Rohan zur Elite des Geistes. In diesem Kontext wurden "Europa" und "Kultur" für ihn zu Chiffren einer Zukunft, in der Altes mit Neuem verbunden sei, in der eine neue Elite den Liberalismus zurückdrängen, eine neue ständisch-hierarchische Ordnung nach faschistischem Vorbild hergestellt werden, die den Frieden von oben antiliberal sichern würde.6 Auf diese Weise stellte Rohans Denkgebäude eine seltsame Symbiose aus Fürst Klemens von Metternich (1773–1859) und Benito Mussolini (1883–1945)[Benito Mussolini (1883–1945), schwarz-weiß Photographie, ohne Datum, unbekannter Photograph; Bildquelle: Library of Congress, George Grantham Bain Collection, http://hdl.loc.gov/loc.pnp/ggbain.37518.] dar, die ihn zu einer zentralen Figur des katholischen Flügels der neukonservativen Bewegung macht.7

    Europa aus den deutschen "Ideen von 1914"?

    Die Europavorstellungen Rohans enthielten Widersprüche: Den bürgerlichen Internationalismus und Pazifismus sah der Österreicher als gescheitert an. Vordergründig als Weltbürger agierend, doch im Grunde deutschnational denkend, lehnte Rohan auch den Völkerbund als "rein angelsächsische Konzeption" ab.8 Ein geeintes Europa schwebte ihm primär als intellektuelles Ersatzvaterland vor, das aber fest in autonomen Nationalkulturen wurzeln müsse.9 Der Einfluss der deutschen "Ideen von 1914" – die Forderung nach nationaler Einheit, die seiner Auffassung nach durch die Parteiendemokratie unterminiert werde, sowie die Besinnung auf "deutsche" Werte und Kultur – treten bei ihm als Gegenpol zu den französischen "Ideen von 1789" hervor. Die Einheit Europas erwuchs für ihn aus der sakralen Reichstradition, die Rohan wiederbeleben wollte. Damit einherging seine Forderung, den Vorrang der Religion und des Mystischen gegenüber der rationalistischen Wissenschaftlichkeit, der Maschine und dem Materialismus wiederherzustellen. Die geistige Einheit Europas – hier kamen fremdenfeindliche Elemente hinzu – sei auch gegen die islamische Welt und erforderlich, zugleich bilde sie gleichermaßen eine Alternative zur westlichen Zivilisation sowie zum Bolschewismus.10

    Die Widersprüche in Rohans Konzeptionen – Fortschritt ja, Technik nein; Verständigung ja, aber bitte ohne Internationalismus, ohne Politik und Rationalismus; Europa ja, aber national – fielen in der von Demokratieskepsis, Unsicherheit und Chauvinismus geprägten Oberschicht der zwanziger Jahre nicht sonderlich auf. Selbst liberale Konservative wie der deutsche Romancier Thomas Mann (1875–1955)[Berlin, Thomas Mann, schwarz-weiß Photographie, 1929, unbekannter Photograph (Zentralbild); Bildquelle: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-H28795; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-H28795,_Berlin,_Thomas_Mann.jpg. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland lizenziert.] verwechselten Anfang der zwanziger Jahre die Verantwortungsträger mit den Verführten und glaubten, der Nationalismus der Massen sei für den Weltkrieg verantwortlich gewesen.11 Außerdem drängte Rohan als gewandter, anpassungsfähiger Salonlöwe seine politischen Auffassungen niemandem auf. Im Gegenteil, er vermarktete seine Initiative für Verständigung unter den kulturellen Eliten gezielt als unpolitisch, suchte Unterstützung gleichermaßen bei Liberalen und Rechtskonservativen wie bei Demokraten und Sozialisten, insbesondere im republikanischen .

    Vom Wert sozialen Kapitals

    Ohne wissenschaftliche Ausbildung, aber belesen und modischen Trends gegenüber aufgeschlossen, verschaffte Rohan vor allem sein soziales Kapital – seine adlige Herkunft und Lebensweise, kultivierte Umgangsformen, familiäre Verbindungen sowie finanzielle Unabhängigkeit – den Zugang zur geistigen Elite. Zu seinen frühen und treuen Weggefährten gehörte der österreichische Dichter Hugo von Hofmannsthal (1874–1929)[Nicola Perscheid (1864–1930), Portrait Hugo von Hofmannsthal (1874–1929), schwarz-weiß Photographie, um 1910; Bildquelle: wikimedia commons, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910.jpg.], der in seiner Rede an der Universität 1927 den bereits 1923 von Rohan geprägten Begriff der "konservativen Revolution" zum Programm erhob.12 Dank Hofmannsthal gelang es Rohan 1922, die Unterstützung des Prälaten, Theologieprofessors und österreichischen Bundeskanzlers Ignaz Seipel (1876–1932)[Bingen.- Prälat Prof. Dr. Ignaz Seipel vor der Hildegardes-Kapelle, schwarz-weiß Photographie, September 1929, unbekannter Photograph; Bildquelle: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 102-08406, wikimedia commons, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_102-08406,_Ignaz_Seipel.jpg?uselang=de.  Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland lizenziert.] zu gewinnen und den Kulturbund zunächst auf österreichischer Basis in Wien zu begründen. Die österreichische Regierung versuchte damit ebenso wie mit der Förderung der Paneuropa-Initiative von Richard Coudenhove-Kalergi (1894–1972)[Schwarz-weiß Photographie, o. J. [vor oder 1936], unbekannter Photograph; Bildquelle: Coudenhove-Kalergi, Richard: Europa ohne Elend: Ausgewählte Reden von R. N. Coudehove-Kalergi, Wien 1936.], Wien als Zentrum für transnationale, europäische Verständigungsbemühungen zu etablieren und zum Gegenpol , der "westlichen" Hauptstadt der internationalen Kooperation, zu stilisieren.

    Zum Förderkreis Rohans außerhalb Österreichs gesellten sich Verleger wie Charles Hayet in Frankreich und Kurt Wolff (1887–1963) in Deutschland, die an intellektuellem Austausch und Übersetzungen interessiert waren.13 Einflussreiche Frauen halfen bei der gesellschaftlichen Einführung des Adligen: In Frankreich öffneten die Gräfin Eugénie d'Harcourt (1859–1918), eine Schwester des Germanisten Robert d'Harcourt (1881–1965), in die Frankfurter Kunstmäzenin Lilly von Schnitzler (1889–1981), Gattin des Direktors der I.G.-Farbenindustrie Georg von Schnitzler (1884–1962), ihm die Türen der Salons.14 Rohan nutzte diese und andere Kontakte, um mit Unterstützung des Mathematikers und Menschenrechtlers Paul Painlevé (1863–1933)[Paul Painlevé (1863–1933), schwarz-weiß Photographie, ohne Datum [vor 1933], unbekannter Photograph; Bildquelle: Library of Congress, George Grantham Bain Collection, http://hdl.loc.gov/loc.pnp/ggbain.38382.] eine französische Kulturbund-Sektion und ein von Frankreich ausgehendes, für die Zwischenkriegszeit einmaliges europäisches Netzwerk von Kulturschaffenden, führenden Wissenschaftlern, Industriellen und Finanziers mit etwa einem Dutzend nationaler Gruppen aufzubauen. 1924 folgte eine italienische Sektion, der der italienische Diktator Mussolini und, ihm nachfolgend, auch eine Reihe faschistischer Hochschullehrer ihr Wohlwollen schenkten.15 1926 wurde eine deutsche Sektion gegründet wurde, die sich wiederum bald in zahlreiche städtische Zentren untergliederte, welche teils von liberalen, von katholischen oder konservativen Persönlichkeiten organisiert wurden (so in /, , , /, München und , dort um den damaligen Oberbürgermeister Konrad Adenauer (1876–1967)[Adenauer, Konrad Dr.: Bundeskanzler, CDU, Bundesrepublik Deutschland, schwarz-weiß Photographie, 1952, unbekannter Photograph; Bildquelle: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), B 145 Bild-F005630-0005, wikimedia commons http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F005630-0005,_Konrad_Adenauer.jpg.  Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland lizenziert.]). Mit anderen Gesellschaften, beispielsweise dem Deutsch-Französischen Studienkomitee, pflegte Rohan enge Verbindungen. Den Paneuropa-Verband lehnte er jedoch als anti-national ab.16

    Aktivitäten des Kulturbunds

    Die primär von 1924 bis 1934 andauernden Aktivitäten des Europäischen Kulturbunds und seines europäischen Dachverbands umfassten auf lokaler Ebene die Organisation von Vortragsabenden, bei denen vorwiegend ausländische Gäste als Vortragende eingeladen wurden, sowie europäische Kongresse (1924 in , 1925 in , 1926 in Wien, 1927 in Heidelberg und Frankfurt, 1928 in , 1929 im Rahmen der Weltausstellung in , 1930 in , 1932 in und 1934 in ). Zu diesen Kongressen jeweils führende Vertreter der verschiedenen nationalen Eliten eingeladen, um gemeinsam über ein übergreifendes Thema zu debattieren. Wirtschaftskapitäne waren Rohan bei der Finanzierung solcher Unternehmungen behilflich, so der Hamburger Direktor der Hamburg--Linie und vormalige Reichskanzler Wilhelm Cuno (1876–1933)[Cuno, Wilhelm Dr.: Reichskanzler, Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, Deutschland, schwarz-weiß Photographie, 1919, unbekannter Photograph; Bildquelle: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-2002-0625-505, http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Bundesarchiv_Bild_183-2002-0625-505,_Dr._Wilhelm_Cuno.jpg&filetimestamp=20090105013316. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland lizenziert.] und von französischer Seite Henri de Peyerimhoff (1871–1953) und Jean Hennessy (1874–1944)[Jean Hennessy, der französische Gesandte in Bern, schwarz-weiß Photographie, 1930, unbekannter Photograph; Bildquelle: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 102-00448, wikimedia commons, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_102-00448,_Jean_Hennessy.jpg?uselang=fr. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland lizenziert.].17 Als Organ zur Veröffentlichung von Beiträgen, zur Wiedergabe von Redebeiträgen auf den Kulturbund-Kongressen sowie von Berichten über die Veranstaltungen des Kulturbundes diente die Zeitschrift "Europäische Revue" (1925–1944). Zu ihren Förderern zählten Mitte der zwanziger Jahre neben Lilly von Schnitzler die deutschen Industriellen Robert Bosch (1861–1942), Richard Merton (1881–1960) und der Luxemburger Emil Mayrisch (1862–1928). Während die Zeitschrift anfangs bewusst eine große Meinungsvielfalt pflegte und sich dadurch einen bedeutenden Ruf erwarb, machten sich doch zu Beginn der dreißiger Jahre die profaschistischen Tendenzen Rohans stark bemerkbar und führten im Juli 1932 zur Kündigung des langjährigen Redaktionsleiters Max Clauss.18

    Die Teilnehmerlisten zu den Kulturbund-Kongressen, die ein Brennglas der Netzwerk-Aktivitäten darstellen, lesen sich wie ein Who's Who der europäischen Wissenschafts-, Kultur-, Wirtschafts- und Finanzelite der Zeit, wobei politische und diplomatische Vertreter diesen Großereignissen seltener beiwohnten. Neben von Hofmannsthal, Rohan und Painlevé nahmen u.a. eine aktiv fördernde Rolle ein: der Physiker und radikalsozialistische französische Abgeordnete Paul Langevin (1872–1946), der zugleich eine der führenden Figuren der französischen Liga für Menschenrechte war und sich für die Wiederaufnahme der Wissenschaftskontakte zu deutschen Kollegen einsetzte, der bereits in der Paneuropa-Bewegung engagierte Mathematikprofessor und Industrielle Emile Borel (1871–1956), der Begründer und Leiter des Berliner Büros des Deutsch-Französischen Studienkomitees und späterer Widerstandskämpfer Pierre Viénot (1897–1944), der Germanist Robert d'Harcourt und der Schriftsteller Paul Valéry (1871–1945). Von deutscher Seite spielten wichtige Rollen: der rechtsliberale Heidelberger Soziologe Alfred Weber (1868–1958), der auf dem Mailänder Kongress den Faschismus noch als neuen "rinascimento" deutete und wie Rohan Coudenhoves föderative Europavorstellungen als antinational ablehnte,19 der Heidelberger Archäologe Ludwig Curtius (1874–1954), der bis 1928 Präsident der deutschen Sektion war, Arnold Bergsträsser (1896–1964) als dessen Sekretär der spätere "Kronjurist" des Dritten Reiches Carl Schmitt (1888–1985), der Physiker Friedrich Dessauer (1881–1963) sowie seit 1928 der ehemalige Diplomat Richard von Kühlmann (1873–1948, ab 1928 Präsident der deutschen Sektion). Zu den Teilnehmern an Kongressen zählten auch der Künstler Max Beckmann (1884–1950), Thomas Mann und Hermann Graf Keyserling (1880–1946), ein seinerzeit höchst populärer, von den Nationalsozialisten verbotener, inzwischen weitgehend vergessener Philosoph. Aus kamen nur wenige Teilnehmer, darunter u.a. Professor Gilbert Murray (1866–1957) aus , aus der der Publizist Robert de Traz (1884–1951), der Historiker und Diplomat Carl Jakob Burckhardt (1891–1974) sowie der konservative Schriftsteller und Historiker Gonzague de Reynold (1880–1970). Auch aus , der , , , , und reisten Delegierte an. Von italienischer Seite war der wohl bekannteste Teilnehmer der Sozialminister Giuseppe Bottai (1895–1959), einer der Architekten des faschistischen Korporatismus, der die Arbeitnehmer in Zwangsorganisationen eingliederte.

    Von der Verständigung mit Hindernissen zur faschistischen Versuchung

    Wichtigstes Ziel der Kongresse war es, kulturelle "Brücken zwischen den Völkern" zu errichten.20 Themen bildeten etwa "Die Rolle des geistigen Menschen beim Aufbau Europas" (1926), "Die Rolle der Geschichte im Bewusstsein der Völker" (1927), "Elemente der europäischen Zivilisation" (1928) oder "Kultur als soziales Problem" (1929). Die Aufmerksamkeit auf diesen Kongressen galt nicht der Gestalt eines geeinten Europas, sondern vielmehr der Betonung nationaler Standpunkte, der Austragung nationaler Gegensätze im Geistigen, der Gegenüberstellung demokratischer und antidemokratischer Gesellschaftsvorstellungen sowie hin und wieder der Definition dessen, was "Europa" ausmache. Bereits auf dem Schlusstag des Frankfurter Kongresses 1927 kam es zu einem ersten Eklat, als ein Wiener Universitätsprofessor die italienische Annexion sowie die Verträge von und unter Beifall anprangerte, worauf die italienischen Faschisten und die französischen Demokraten den Saal verließen. In Prag, wo u.a. der Architekt Le Corbusier (1887–1965) und der Kulturpsychologe Carl Gustav Jung (1875–1961) über Elemente europäischer Zivilisation diskutierten, erreichte das Netzwerk einen intellektuellen Höhepunkt, danach ging es steil bergab. Die Züricher Tagung 1932 stand unter dem Motto "Europäische Kultur in Gefahr", womit Rohan aber nicht den Aufstieg der Nationalsozialisten, sondern dem Programm nach die sozialen und kulturellen Folgen der Wirtschaftskrise meinte. Rohans politische Vorstellungen hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits weit an faschistische Vorbilder angenähert. 1927/1928 forderte er eine "Führerauslese", Heldentum ohne Mitleid sowie eine strenge Trennung von Ethik und Politik.21 1928 spielte Rohan mit dem Gedanken, eine großdeutsch-mitteleuropäische Zeitschrift zu gründen.22 Die "konservative Revolution" war in vollem Gang und führte zur Annäherung der Leitung des Kulturbunds an den Nationalsozialismus.

    So verwundert es nicht, dass die faschistische Regierung im Herbst 1932 mit Billigung Rohans in einen eigenen Europa-Kongress in der Tradition des Kulturbunds veranstaltete, zu dem von deutscher Seite neben dem Nationalökonomen Werner Sombart (1863–1941) aus Berlin und dem liberalen Völkerrechtler und Leiter des Hamburger Instituts für Auswärtige Angelegenheiten Albrecht Mendelssohn-Bartholdy (1874–1936), der 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten in den Ruhestand versetzt wurde, u.a. auch Hermann Göring (1893–1946) und der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg (1893–1946) anreisten.23 Während des römischen Kongresses 1932 hatte der Irrationalismus längst auch die Liberalen erfasst. So betonte der einstige Linksliberale und Mediziner Willy Hellpach (1877–1955) in seinem Redebeitrag die weiße "Rasse" als Grundlage europäischer Identität. Alfred Weber entwickelte dort mit seiner Forderung nach einer "Umwertung der Werte" Ideen,24 die die nationalsozialistische Terrorherrschaft schon bald in allerdings nicht von ihm vorhergesehener Radikalität umsetzte. Weber verteidigte immerhin noch gegenüber Rosenberg einen Teil der Entwicklungen, die 1789 und damit im Kontext der Aufklärung ihren Ausgang nahmen.

    Rohan widmete anlässlich des römischen Kongresses ein ganzes Heft der Europäischen Revue dem italienischen Faschismus, bald darauf erschien ein weiteres Heft zur angeblichen "Judenfrage". Dabei passte er sein Vokabular dem biologistisch-rassistischen Sprachgebrauch der Nazis an, wandte sich aber gegen eine gewaltsame "Lösung".25 Den letzten Kulturbund-Kongress in Budapest 1934, der unter dem Motto "Europa zwischen Tradition und Revolution" stand, eröffnete Rohan mit Ausführungen über die Zusammenführung der Begriffe "Konservatismus" und "Revolution". Doch zu diesem Zeitpunkt waren die Nationalsozialisten im Dritten Reich bereits damit beschäftigt, die Zusammenarbeit mit den Konservativen zu beenden und sich ihrer zu entledigen. Damit und mit der Negation jeglicher Verständigung und jeglichen Respekts vor dem menschlichen Individuum durch den Nationalsozialismus erlosch die Basis für weitere intellektuelle Annäherungen in Europa unter deutscher Beteiligung.

    Fazit

    Der Kulturbund diente zwar Mitte der zwanziger Jahre einer vorübergehenden Annäherung der Intellektuellen untereinander. Es gelang diesem Netzwerk jedoch nicht, auch nur eine einzige zukunftsweisende, gestalterische Konzeption zu erarbeiten, die Europa den Weg zu einem dauerhaften Frieden gewiesen hätte. Der Kulturbund scheiterte somit an den unüberbrückbaren intellektuellen Widersprüchen seiner Protagonisten, allen voran Rohan selbst, und bot "keine Anknüpfungspunkte für einen europäischen Neuanfang" in der zweiten Nachkriegszeit, im Gegensatz zur innovativen, föderativen Europakonzeption Coudenhove-Kalerghis oder zu wirtschaftlichen Integrationskonzepten".26

    Matthias Schulz, Genf

    Anhang

    Quellen

    Anonymus: Elemente der modernen Zivilisation: Der Verband für kulturelle Zusammenarbeit in Prag, in: Europäische Revue 4 (1928/1929), S. 623–640, S. 716–721.

    Anonymus: Kulturbundkongreß in Zürich, in: Europäische Revue 7 (1931), S. 691–693.

    Clauss, Max: Die dritte Jahresversammlung des Verbandes für kulturelle Zusammenarbeit in Wien, in: Europäische Revue 2 (1927), S. 196–200.

    Curtius, Ernst Robert: Deutscher Geist in Gefahr, Berlin 1932.

    Hofmannsthal, Hugo von: Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation: Rede, gehalten im Auditorium maximum der Universität München am 10. Januar 1927, München 1927, in: Ders.: Gesammelte Werke: Prosa, Frankfurt am Main 1966, vol. 4, S. 390–413.

    Orestano, Francesco: Europa: Gesamtbericht über die Verhandlungen des Volta-Kongresses in Rom, November 1932: Übersetzt nach dem französischen Originaltext, in: Europäische Gespräche: Hamburger Monatshefte für auswärtige Politik 11 (1933), Heft V/VI, S. 125–187.

    Rohan, Karl Anton: Einige Bemerkungen zum italienischen Faschismus, in: Europäische Revue 8 (1932), S. 665–668.

    Ders.: Europa: Streiflichter, 2. Aufl., Leipzig 1924.

    Ders.: Heimat Europa: Erinnerungen und Erfahrungen, Düsseldorf 1954.

    Ders.: Schicksalsstunde Europas: Erkenntnisse und Bekenntnisse, Wirklichkeiten und Möglichkeiten, Graz 1937.

    Ders.: Die internationale Versammlung der Verbände für kulturelle Zusammenarbeit in Mailand am 5. bis 7. November, in: Europäische Revue 1 (1825/1926), S. 348–353.

    Literatur

    Bock, Hans: Zwischen Locarno und Vichy: Die deutsch-französischen Kulturbeziehungen der dreißiger Jahre als Forschungsfeld, in: Ders. u.a. (Hrsg.): Entre Locarno et Vichy: Les relations culturelles franco-allemandes dans les années 1930, Paris 1994, vol. 1, S. 25–61.

    Breuer, Stefan: Anatomie der konservativen Revolution, Darmstadt 1993.

    Ders.: Grundpositionen der deutschen Rechten 1871–1945, Tübingen 1999.

    Kraus, Hans-Christof (Hg.): Konservative Zeitschriften zwischen Kaiserreich und Diktatur: Fünf Fallstudien, Berlin 2003.

    Mattioli, Aram: Zwischen Demokratie und totalitärer Diktatur: Gonzague de Reynold und die Tradition der autoritären Rechten in der Schweiz, Zürich 1994.

    Müller, Guido: Europäische Gesellschaftsbeziehungen nach dem Ersten Weltkrieg: Das Deutsch-Französische Studienkomitee und der Europäische Kulturbund, München 2005 (Studien zur Internationalen Geschichte 15).

    Rudolph, Hermann: Kulturkritik und konservative Revolution: Zum kulturell-politischen Denkens Hofmannsthals und seinem problemgeschichtlichen Kontext, Tübingen 1971.

    Anmerkungen

    1. ^ Vgl. zum Ganzen Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 309–456.
    2. ^ Siehe Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, insb. S. 329–337; 407–436.
    3. ^ Vgl. ebd., insb. S. 331, 351.
    4. ^ Siehe ebd., S. 325.
    5. ^ Siehe Rohan, Europa 1924.
    6. ^ Vgl. Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 329 und siehe Rohan, Europa 1924, S. 21–30.
    7. ^ Vgl. ebd., S. 309, 321, 374f. und passim.
    8. ^ Vgl. ebd., 319f. (Zitat S. 320).
    9. ^ Vgl. ebd., S. 373.
    10. ^ Vgl. ebd., S. 320, 375f.
    11. ^ Vgl. Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 358.
    12. ^ Hofmannsthal, Schrifttum 1927, S. 31; Ders., Gesammelte Werke 1966, vol. 4, S. 390–413.
    13. ^ Siehe Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 326.
    14. ^ Siehe ebd., S. 324.
    15. ^ Siehe ebd., S. 350.
    16. ^ Siehe ebd., S. 355.
    17. ^ Vgl. ebd., S. 386f.
    18. ^ Max Clauss, ehemaliger Schüler des Heidelberger Soziologen Alfred Weber und des Doktors der Nationalökonomie und Mitbegründer der Politikwissenschaften in Deutschland Arnold Bergsträsser (1896–1964), schied am 1. Juli 1932 wegen einer Meinungsverschiedenheit mit Rohan über den Nationalsozialismus aus der Redaktion aus. Bergsträsser beriet zu Beginn der dreißiger Jahre die Nationalsozialisten wirtschaftspolitisch und sprach sich für deren Regierungsbeteiligung aus, verlor dann aber wegen seiner teilweise jüdischen Herkunft sein Amt und musste 1937 aus Deutschland fliehen. Siehe Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 281, 283, 346.
    19. ^ Zitat nach Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 355.
    20. ^ Zitat nach Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 340. Vgl. zum Ablauf der einzelnen Kongresse Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, passim.
    21. ^ Vgl. dazu das längere Zitat Rohans bei Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 398.
    22. ^ Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 401.
    23. ^ Siehe ebd., S. 424–429. Göring und Rosenberg wurden 1946 wegen Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt.
    24. ^ Zitat nach Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 429.
    25. ^ Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 400 und passim.
    26. ^ Zitat Müller, Europäische Gesellschaftsbeziehungen 2005, S. 456.

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    Indices



    ZitierempfehlungCitation

    : Der Europäische Kulturbund, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz European History Online (EGO), published by the Leibniz Institute of European History (IEG), Mainz 2010-12-03. URL: http://www.ieg-ego.eu/schulzm-2010c-de URN: urn:nbn:de:0159-2010102524 [JJJJ-MM-TT][YYYY-MM-DD].

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