Reformen und Revisionen. Musikalischer Kulturtransfer von Leipzig nach Kopenhagen im 19. Jahrhundert

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PublishedErschienen: 2010-12-03
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    Zwischen Leipzig und Kopenhagen sind auf musikhistorischem Gebiet im 19. Jahrhundert zahlreiche Transferprozesse zu beobachten. Sie vollzogen sich zwar nicht einseitig, lagen jedoch schwerpunktmäßig auf der Bewegungsrichtung von Leipzig nach Kopenhagen. Exportiert wurden Vorbilder, die sich für die Musikpraxis und die Musikpädagogik als tauglich erwiesen. Niels Wilhelm Gade (1817–1890) und Christian Frederik Emil Horneman (1840–1906) waren in diese Transferprozesse als Antipoden einbezogen und verarbeiteten Leipziger Muster durch unterschiedliche, jedoch fruchtbare Reflexion.

    InhaltsverzeichnisTable of Contents

    Deutschland und Dänemark: kulturelle Nachbarschaft und Wahlverwandtschaft

    Zwischen 1 und vollzogen sich über Jahrhunderte Prozesse der kulturellen Anziehung und Abstoßung. Der Besinnung auf einen "germanischen" Ursprung, die besonders von deutscher Seite propagiert wurde, entsprang die Annahme einer kulturellen Gemeinsamkeit.2 Sie bezog sich gleichermaßen auf Architektur, Malerei, Literatur, Theater wie auf Philosophie und Musik. Die dänischen Könige hatten seit der Regierungszeit Christians IV. (1577–1648) dafür Sorge getragen, dass durch die Verpflichtung deutscher Kulturvertreter an den Hof, wie Heinrich Schütz (1585–1672), Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) oder Johann Abraham Peter Schulz (1747–1800), ausländische Einflüsse halfen, die dänische Kultur zu beleben und zu erneuern. Die Verbindungen wurden durch die Politik und die Struktur des dänischen Gesamtstaates gefördert und als unkompliziert und fließend empfunden. Mit den Herzogtümern und existierten dazu zwei gemeinsame Landesteile.3 Besonders diese beiden Herzogtümer spielten eine wesentliche Rolle im gegenseitigen Verhältnis. Im dänischen Gesamtstaat erfuhren sie unter der Ägide des Außenministers Andreas Peter Graf von Bernstorff (1735–1797)[Andreas Peter von Bernstorff (1735–1797), Bildquelle: J. P. Trap: berømte danske mænd og kvinder, 1868.  Digitalisat: Wikimedia Commons: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:AP_Bernstorff.jpg&filetimestamp=20050612205810 ] eine Blütezeit, die erst durch den napoleonischen Imperialismus ihr Ende fand.4 Der durch Napoleon verursachte Geist des Nationalismus, der sich auch in Dänemark und ausbreitete, stand im deutlichen Kontrast zu Bernstorffs Politik des Ausgleichs und des Gleichgewichts.

    Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert begann ein sich verstärkender Entfremdungsprozess. Dänemark hatte sich im infolge der Napoleonischen Kriege wandelnden neu zu positionieren. Der seit 1808 regierende König Friedrich VI. (1768–1839)[Friedrich VI. von Dänemark (1768–1839), Bildquelle: Niels Bache "Nordens Historie" (1887), Digitalisat: Wikimedia Commons, http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Frederik_6_of_Denmark.jpg&filetimestamp=20041124173918] verfolgte im Gegensatz zu Bernstorff eine Politik der Einheit Dänemarks und nicht wie seine Vorgänger die der Einigkeit mit Deutschland.5 So wurden die bisweilen dominierenden deutschen Einflüsse in Politik und Kultur von dänischer Seite zunehmend als störend empfunden. Die Folge war eine geistige Abkapselung, aus der die verstärkte Suche nach dänischer Identität und kultureller Emanzipation resultierte. In dieser Phase erfolgende nationale Katastrophen6 hatten eine intensivierende Wirkung. Darüber hinaus stellte die nach der Auflösung des (1806) erfolgte, verfassungsrechtlich nicht ganz korrekte Einverleibung Holsteins in das Königreich Dänemark einen stets schwelenden Konfliktherd dar, der das Verhältnis zwischen Dänen und Deutschen belastete. Diese Spannungen entluden sich in den beiden deutsch-dänischen Kriegen um die Herzogtümer 1848 und 1864 und trugen zu einer wachsenden Entfremdung bei.

    Besonders die Künste und ihr Beitrag zur nationalen Identitätsfindung standen im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Auf musikalischem Gebiet lieferte die Renaissance des Volksliedes als Rückbesinnung auf die "Schätze" des Volkes einen starken Katalysator für die Entwicklung einer nationalen Kunstmusik. Trotz aller Abkehrtendenzen spielten in den Beziehungen zwischen Leipzig und Kopenhagen deutsche Einflüsse bei der Weiterentwicklung des dänischen Musiklebens jedoch weiterhin eine bedeutende Rolle und waren nicht zu ignorieren.

    Das Musikleben in Leipzig und Kopenhagen

    Zwischen Leipzig und Kopenhagen bestanden vor allem im Bereich des Buchhandels und -drucks lebendige Verbindungen.7 Daneben waren sich beide Städte in ihrer Positionierung nicht unähnlich: stellte einen Kristallisationspunkt des Handels und der Kultur bzw. dar, während Kopenhagen das dänische Kultur- und Verwaltungszentrum war. Leipzig wuchs im 19. Jahrhundert zu einer Musikstadt europäischen Ranges heran, die sich mit , und messen konnte. Die günstigen Konstellationen und funktionierenden Strukturen im Musikleben der Stadt zogen die Aufmerksamkeit der internationalen Musikwelt auf sich. Im Gegensatz zu Kopenhagen konnte Leipzig auf eine jahrhundertelange Tradition bürgerlichen Musiklebens zurückblicken, die stets von wohlhabenden Leipzigern unterstützt wurde und frei von höfischen Repräsentationsaufgaben war. In Kopenhagen hatte sich die Musikpraxis dagegen weitaus stärker und bis in das 19. Jahrhundert hinein an den Bedürfnissen des Königshofes zu orientieren. Das bürgerliche Musikleben war dadurch unterentwickelt geblieben, zumal nach den einschneidenden Ereignissen der städtischen Zerstörung und des Staatsbankrotts zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Prioritäten auf existenzielleren Dingen lagen als auf der Pflege des "Luxus" der Musik. Auch ausländische Beobachter beschrieben und kritisierten die Unattraktivität des Musiklebens, die unvollständige Aufführung sinfonischer Musik sowie die Tatsache, dass außerhalb von Det kongelige Teater ("Das Königliche Theater"), dem dänischen Staatstheater in Kopenhagen, keine qualitativ hochwertige Musik zu hören sei.8

    Leipziger Modelle

    Mit dem Gewandhaus bestand in Leipzig seit 1743 eine musikalische Konzertinstitution ersten Ranges. Vor allem nachdem Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)[Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847), Bildquelle: W. S. B. Mathews "A Popular History of the Art of Music: From the Earliest Times Until the Present", S. 462, The "Music" Magazine Publishing Co., 1402-5, the Auditorium, 1891. Digitalisiert von Projekt Gutenberg, http://www.gutenberg.org/files/20293/20293-h/20293-h.htm, Release Date: January 5, 2007 [eBook #20293] ] 1835 das Amt des Gewandhaus-Musikdirektors übernommen hatte, steigerte sich die spielerische Qualität des Orchesters auf internationales Niveau. Entscheidend für den Ruf des Gewandhauses wurde jedoch die Umgestaltung der Programmkonzeption in eine neue Konzertform, den "Gewandhaus-Typus".9 Ziel war es, den Geschmack des Publikums zu kultivieren und den Blick für Vergangenes und Kommendes zu öffnen. Im Repertoire fanden sich Komponisten des Barock, der Wiener Klassik und der Romantik, einschließlich Mendelssohn und Robert Schumann (1810–1856)[Robert Schumann (1810–1856), Bildquelle: W. S. B. Mathews "A Popular History of the Art of Music: From the Earliest Times Until the Present", S. 477, The "Music" Magazine Publishing Co., 1402-5, the Auditorium, 1891. Digitalisiert von Projekt Gutenberg, http://www.gutenberg.org/files/20293/20293-h/20293-h.htm, Release Date: January 5, 2007 [eBook #20293]] als zeitgenössische Vertreter.

    1843 wurde das Leipziger Konservatorium10 gegründet und damit ein Markstein in der Geschichte der Musikpädagogik erreicht."Das alte conservatorium der Musik im Hofes des Gewandhauses. 1886. Nach einem Aquarell von A. Lewy. Das alte Leipzig. Verlag von Otto Roth in Leipzig. Mit gesetzl. Schutz gegen Nachbildung." Postkarte nach einem Aquarell von A. Lewy, Bildquelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig. Mit dem Leipziger Institut öffnete die erste deutsche Musik-Ausbildungsstätte mit professionellem Anspruch ihre Tore. Im Vergleich zu den bis dahin existierenden deutschen Konservatorien wurde das Ziel auf eine "höhere Ausbildung" in der Musik gerichtet, die – und dies war einzigartig – über "alle Zweige … als Wissenschaft und Kunst betrachtet"11 wurde. Dieser akademische Anspruch mit der Gleichberechtigung von Theorie und Praxis zielte auf die Ausbildung von befähigten Laien, aber vorrangig auf Berufsmusiker, Komponisten und Musikpädagogen ab. Dem Hauptideengeber Mendelssohn lag an dem Gedanken der Bildung durch interkulturelle Begegnung. Der Austausch mit ausländischen Schülern wurde bewusst gesucht, was auf eine nicht-lokal gebundene Konzeption des Instituts hinweist. Gerade durch diese Internationalität erreichte das Konservatorium im 19. Jahrhundert einen exportfähigen, vorbildhaften Status.12 Namentlich für die Gründung zahlreicher Konservatorien in den , die im Verlauf des 19. Jahrhunderts erfolgten, stand das Leipziger Institut Modell.13 Durch den hohen Zulauf aus dem In- und Ausland kam es jedoch zu einer Überfüllung der Klassen, die dem Unterricht oft wenig zuträglich war.

    Die skandinavische Schülerschaft stellte hinter jener aus und den USA mit 140 Personen die drittgrößte Gruppe von Ausländern. Darunter schrieben sich elf dänische Schüler in den Jahren 1843 bis 1880 ein. In den Jahren nach den beiden deutsch-dänischen Kriegen 1848 und 1864 blieb der Besuch dänischer Studenten über Jahrzehnte allerdings ganz aus.14 Waren die dänischen Beobachter in Leipzig zahlenmäßig nicht übermäßig vertreten, so zogen sie aus diesen Aufenthalten allerdings nachhaltige Konsequenzen. Mit Niels Wilhelm Gade und Christian Frederik Emil Horneman waren zwei Persönlichkeiten des dänischen Musiklebens in die kulturellen Prozesse zwischen Leipzig und Kopenhagen einbezogen, die auf unterschiedliche Weise zu einer Transferleistung beitrugen.

    Niels Wilhelm Gade – Assimilation und Modifikation

    Niels Wilhelm Gade (1817–1890)[s/w-Foto von Niels Wilhelm Gade (1817–1890), Bildquelle: Archiv des Gewandhauses Leipzig] war der erste "eingeborene" dänische Komponist, der internationalen Ruhm erlangte und sich für mehrere Jahre in verantwortlicher Position in Leipzig aufhielt. Auslöser waren die überaus erfolgreichen Aufführungen zweier Frühwerke: der Ouvertüre Efterklange af Ossian ("Nachklänge an Ossian") op. 1 sowie die Uraufführung seiner Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 5 im Jahre 1843 im Leipziger Gewandhaus unter Felix Mendelssohn Bartholdy. Die fremdartig klingenden Werke, in denen ein neues, musikästhetisches Prinzip – der Nordische Ton15 – zu hören war, verhalfen dem bis dahin völlig unbekannten Gade zu einem Überraschungserfolg. Auf Einladung Mendelssohns reiste der Däne 1843 nach Leipzig und stieg dort neben ihm zum Musikdirektor des Gewandhauses und Lehrer am Leipziger Konservatorium auf.

    Auf kompositorischem Gebiet ist in Gades Werk ein Transferprozess zu beobachten. War besonders sein Frühwerk von Vorbildern der skandinavischen Volksmusik und von nordischen oder dänischen literarischen Stoffen inspiriert gewesen, so wandelte sich in den Leipziger Jahren sein Stil. Deutlich sind die Einflüsse Mendelssohns und der Leipziger Schule in seinem sinfonischen Werk zu vernehmen. Nach Gades Rückkehr nach Kopenhagen verstärkte sich seine Auseinandersetzung mit dieser deutschen Musikästhetik, die in seinem Werk bis in die 1860er Jahre der auf Universalität ausgerichteten Leipziger Schule den Vorrang vor dem Nordischen Ton einräumte.16

    Den Ausbruch des deutsch-dänischen Krieges 1848 nahm Gade zum Anlass, endgültig nach Kopenhagen zurückzukehren. In seiner Heimatstadt übernahm er in den folgenden Jahren die Reformierung des Musiklebens auf der Basis der Übernahme "exportwürdiger" Leipziger Modelle. Sie finden sich im Konzertwesen und in der Musikpädagogik wieder. Dazu zählte die grundlegende Umorganisation des einflussreichsten Konzertvereins Musikforeningen ("Musikverein"). Die Konzerte wurden nach dem "Gewandhaus-Typus" umgestaltet, d.h. die Programme beanspruchten das didaktische Ziel, systematisch das weniger breit gebildete Kopenhagener Publikum an Hauptwerke und Komponisten der Musikgeschichte heranzuführen.17 Ebenso wurden Spielqualität und -niveau des Orchesters nach Mendelssohns Vorbild durch strenge Probendisziplin und Auswahl der Musiker gesteigert.

    Hatte Gade für die Umgestaltung einer praktizierenden Musikinstitution gesorgt, so trat mit der Gründung des Kopenhagener Konservatoriums 1867 ein wesentliches Element auf dem ausbildenden Sektor hinzu. Für den musikalischen Nachwuchs in Dänemark hatte es seit jeher an einem professionell ausbildenden Institut gemangelt. Vorausgehende Versuche waren häufig an schlechten finanziellen Verhältnissen gescheitert und entsprechend kurzlebig gewesen. Die Gründung des Kopenhagener Konservatoriums stellt ein wesentliches Moment in der Geschichte der dänischen Musikpädagogik dar. Identisch übernommen wurde das Curriculum des Leipziger Konservatoriums, das Prozedere einer Aufnahme- und Abschlussprüfung sowie das Angebot eines Stipendiensystems für Studenten aus weniger vermögenden Kreisen.18 Modifikationen waren in dem Sinne zu beobachten, dass Leipziger "Fehlentwicklungen" vermieden werden sollten. So wurde in Kopenhagen der Überfüllung der Klassen, wie sie in Leipzig herrschte, vorgebeugt, indem die Zahl der Aufnahmen strikt begrenzt blieb. Auch erfuhr das Institut in Kopenhagen keine internationale Öffnung, da ausländische Schüler nicht aufgenommen wurden.

    Durch diese fortschrittlichen und innovativen Prozesse stieg Kopenhagen im Verlauf des 19. Jahrhunderts zumindest in zum Zentrum des musikalischen Lebens auf.

    Audio 1. Hörbeispiel: Niels Wilhelm Gade: 1. Sinfonie c-Moll op. 5, 1. Satz "Moderato con moto – Allegro energico"


    Audio 2. Hörbeispiel: Niels Wilhelm Gade: 4. Sinfonie B-dur op. 30, 3. Satz "Scherzo: Allegro, ma non troppo tranquillamente"

    C.F.E. Horneman – Negation einerseits, Tradition andererseits

    Christian Frederik Emil Horneman (1840–1906)[s/w-Foto von Christian Emil Hornemann (1840–1906), unbekannter Fotograf, Bildquelle: schwedische Zeitschrift "Ord och Bild" (1902), S.329.] besuchte von 1858 bis 1860 Leipzig als Student des Konservatoriums. Zu diesem Zeitpunkt hatte Leipzig seinen Zenit als Musikstadt bereits überschritten. Vorwürfe des Konservatismus und der Einseitigkeit wurden von in- wie ausländischen Beobachtern immer häufiger geäußert. Nach Mendelssohns frühem Tod 1847 schien die Konservierung seines Geistes das Hauptziel der Musikverantwortlichen geblieben zu sein. Zusätzlich war Horneman stark patriotisch eingestellt und – auch in Gegenwendung zu dem von Gade dominierten Kopenhagener Musikleben nach Leipziger Vorbild – um die Etablierung eines nordisch ausgerichteten Musiklebens bemüht. Diese beiden Faktoren bedingten unter anderem Hornemans ablehnende Haltung Leipziger Einflüssen gegenüber.19

    Zurück in Kopenhagen begann Horneman, Kontrapunkte zu setzen. Diese richteten sich auf die musikalische Praxis und Pädagogik. So gründete der Däne u.a. zusammen mit dem norwegischen Komponisten Edvard Hagerup Grieg (1843–1907) 1865 einen Verein, der sich die schwerpunktmäßige Aufführung skandinavischer Komponisten zum Ziel gesetzt hatte. Der Name des Konzertunternehmens, "Euterpe", ging allerdings wiederum auf ein Leipziger Vorbild zurück. Die dort ansässige Euterpe fungierte als Alternative zum Gewandhaus, was Programmgestaltung und bezahlbare Eintrittspreise anbetraf. Demselben Geist sah sich die Kopenhagener Euterpe als Gegengewicht zu den exklusiven Konzerten der Musikforeningen unter Gade verhaftet. Der Erfolg des Unternehmens blieb jedoch aus. Einerseits war in den Konzerten kein Auskommen ohne Werke von Komponisten aus dem deutschsprachigen Raum. Andererseits entpuppte sich der Gedanke, kostengünstige Konzerte anzubieten, als zu idealistisch. Nach der dritten Spielzeit 1867 musste die Euterpe aus finanziellen Gründen aufgelöst werden.20

    Größeren Erfolg erzielte Horneman 1880 mit der Gründung seines Musik-Instituts. Auch diese Einrichtung war als Alternative zu Gade bzw. zum Kopenhagener Konservatorium geplant. Das äußere Gerüst blieb jedoch dem Leipziger Konservatorium treu. So wurde der Fächerkanon übernommen und flankierende musikalische Veranstaltungen zur Präsentation der Schüler vor der Öffentlichkeit eingerichtet (Abschlusskonzert, Soireen usw.).21 Das Institut stand jedem Musikinteressierten offen. Daher wurden auch Kurse für "Anfänger" zum Erlernen der Notenschrift und des Singens vom Blatt angeboten. C.F.E. Hornemans Musik-Institut vertrat also sowohl einen akademischen Anspruch nach Leipziger Vorbild als auch das Ziel, dem in Kopenhagen weit verbreiteten "musikalischen Analphabetentum" durch die Vermittlung elementarer Grundkenntnisse etwas Abhilfe zu schaffen.

    So unterschiedlich die Verarbeitung der Leipziger Erfahrungen bei Gade und Horneman sich auch vollzogen; es bleibt festzuhalten, dass beide während ihrer Leipziger Jahre eine Sensibilisierung erfuhren, und zwar in Bezug auf die Notwendigkeit funktionierender und wirkungsvoller Strukturen für ein erfolgreiches städtisches Musikleben. Dazu zählte die Etablierung eines beständigen und qualitativ repräsentativen Konzerthauses mit der Möglichkeit, Musikgeschichte vermitteln und pflegen zu können. Ebenso bedurfte die Förderung des musikalischen Nachwuchses einer Institutionalisierung, die ebenfalls nach systematischen Inhalten und straffen Zeitplänen funktionierte, gleich, ob hier Laien oder angehende Berufsmusiker betreut werden sollten.

    lautsprecher.jpg 3. Hörbeispiel: C.F.E. Horneman: Aladdin-Ouvertüre

    Im Verhältnis der Transfers spielte Leipzig als Ausgangskultur trotz aller im 19. Jahrhundert aufkommenden Kritik weiterhin die Rolle des Vorbildes. Entscheidend für den Transfer nach Kopenhagen war jedoch das Moment der Modifikation. Strukturen, die sich in Leipzig als wenig tauglich erwiesen hatten, wurden sowohl von Gade als auch von Horneman als unpraktikabel erkannt und entsprechend in eine funktionierende, den lokalen Gegebenheiten angepasste Variante umgeformt.

    Yvonne Wasserloos, Düsseldorf

    Anhang

    Quellen

    Det Kongelige Bibliotek København, Breve fra C.F.E. Horneman til Edvard Grieg, Ms. phot. 149 fol: Horneman an Grieg, 16.11.1895, (Originale in Bergens Offentlige Bibliotek).

    Det Kongelige Bibliotek København, Ny Kongelige Samling 2081, III 2°: C.F.E. Horneman's Musik-Institut, undat., Horneman papirer, Registr. vedrørende Emil og C.F.E. Horneman.

    Gade, Niels W.: Musikskole – Musik Academie – Musik Conservatorium (Nachlass Gade, in Privatbesitz).

    Programm, die Errichtung einer Musikschule in Leipzig betreffend, in: Neue Zeitschrift für Musik 18 (1843), S. 28 [Vorwort].

    Literatur

    Fabricius, Lars Børge: Træk af dansk musiklivs historie M. M. Omkring Etatsraad Jacob Christian Fabricius' Erindringer, Kopenhagen 1975.

    Gram, Magdalena: Leipzig: Stadt der Bücher, in: Bernd Henningsen u.a. (Hg.): Wahlverwandtschaft: Skandinavien und Deutschland 1800 bis 1914. o.O. o.J. [Berlin 1997], S. 219–221.

    Grotjahn, Rebecca: Die Sinfonie im deutschen Kulturgebiet: Ein Beitrag zur Gattungs- und Institutionengeschichte, Sinzig 1998.

    Hammerich, Angul: Musikforeningens Historie 1836–1886: Kopenhagen 1886 (Festskrift i Anledning af Musikforeningens Halvhundredaarsdag 2).

    Ders.: Kjøbenhavns Musikkonservatorium grundet af P.W. Moldenhauer 1867–1892, Kopenhagen 1892.

    Krabbe, Niels: The Reception of Beethoven in Copenhagen in the 19th Century, in: Ders. (Hg.): Music in Copenhagen: Studies in the Musical Life of Copenhagen in the 19th and 20th Centuries, Viborg 1996 (Musik og Forskning 21), S. 160-201.

    Mix, York-Gothart: Patria ubique: überall ist Vaterland: Einleitende Bemerkungen zum Thema deutsch-dänischer Kulturtransfer, in: Das 18. Jahrhundert 25 (2001), S. 179–183.

    Opitz, Eckardt: Schleswig-Holstein im dänischen Gesamtstaat am Ende der Ära Benstorff, in: Eva Heinzelmann u.a. (Hg.): Der dänische Gesamtstaat: Ein unterschätztes Weltreich?, Kiel 2006, S. 203–217.

    Østergaard, Uffe: Nationale Identitäten: Ursprünge und Entwicklungen: Deutschland, der Norden, Skandinavien, in: Bernd Henningsen u.a. (Hg.): Wahlverwandtschaft: Skandinavien und Deutschland 1800 bis 1914. o.O. o.J. [Berlin 1997], S. 29–37.

    Phillips, Leonard Milton: The Leipzig Conservatory: 1843–1881, Indiana 1979.

    Schumann, Robert: Niels W. Gade, in: Neue Zeitschrift für Musik 20 (1844), S. 1 f.

    Wasserloos, Yvonne: Das Leipziger Konservatorium der Musik im 19. Jahrhundert: Anziehungs- und Ausstrahlungskraft eines musikpädagogischen Modells auf das internationale Musikleben, Hildesheim u.a. 2004 (Studien und Materialien zur Musikwissenschaft 33), S. 66 ff.

    Dies.: Kulturgezeiten: Niels W. Gade und C.F.E. Horneman in Leipzig und Kopenhagen, Hildesheim u.a. 2004 (Studien und Materialien zur Musikwissenschaft 36).

    Dies.: Wider "alte Schnecken von anno Tobak": Edvard Grieg, C.F.E. Hornemannund die Euterpe, in: Die Tonkunst 1 (2007), S. 268–279.

    Anmerkungen

    1. ^  Zur Abkürzung wird im weiteren Verlauf für die verschiedenen Formen des Deutschen Bundes bzw. für das Deutsche Reich die Bezeichnung "Deutschland" benutzt.
    2. ^ Vgl. Østergaard, Nationale Identitäten 1997, S.29.
    3. ^ Die beiden Herzogtümer gehörten zum Deutschen Bund, unterstanden jedoch der Regierung des dänischen Gesamtstaates. 1815 kan das dritte Elbherzogtum, Lauenburg, dazu.
    4. ^ Vgl. Opitz, Schleswig-Holstein 2006, S. 207f.
    5. ^ Vgl. Mix, Patria ubique 2001, S. 183.
    6. ^ Kopenhagen wurde 1807 bei einem Angriff der Engländer zu einem Drittel zerstört. 1813 erfolgte die Bankrotterklärung des dänischen Staates. Ein Jahr später begann die sich im 19. Jahrhundert fortsetzende geographische und politische Degradierung des Landes zu einem Kleinstaat, als im Kieler Frieden das unter dänischer Verwaltung stehende Norwegen an Schweden abgetreten werden musste.
    7. ^ Vgl. Gram, Stadt der Bücher 1997, S. 219–221.
    8. ^ Vgl. Krabbe, The Reception of Beethoven 1996, S. 167.
    9. ^ Grotjahn, Sinfonie 1998, S. 102.
    10. ^ Heute: Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig.
    11. ^ Programm, die Errichtung einer Musikschule in Leipzig betreffend. In: Neue Zeitschrift für Musik 18 (1843), S. 28 [Vorwort].
    12. ^ In den Jahren 1843 bis 1880 waren insgesamt 3.277 Studenten am Konservatorium eingeschrieben, davon 1.359 Ausländer. Der Ausländeranteil betrug damit durchschnittlich 41 %, in Spitzenzeiten sogar 64 % (1871). Vgl. Wasserloos, Das Leipziger Konservatorium 2004, S. 66ff.
    13. ^ Dazu zählten das Oberlin Conservatory, das New England Conservatory in Boston und das Chicago Musical College. Vgl. Phillips, The Leipzig Conservatory 1979, S. 227ff.
    14. ^ Nach 1848 traten erst 1858 und nach 1864 erst 1876 wieder Dänen in das Konservatorium ein. Vgl. Wasserloos, Kulturgezeiten 2004, S. 129f.
    15. ^ Der Begriff "Nordischer Ton" geht auf Robert Schumann zurück, der diese Stilbezeichnung erstmalig in seinem Porträt über Gade benutzte. Vgl. Schumann, Gade 1844, S. 1f. Grundlegend für den Nordischen Ton sind skandinavische Volkslieder oder ihnen nachempfundene Melodiemodelle sowie Volkstänze. Diese Volkstümlichkeit zeigt sich klanglich in Bordunquinten, der Verwendung von modalen Tonarten und einem steten Wechsel zwischen Dur und Moll, wobei die Molltonarten generell bevorzugt werden. Ein deutlich hörbares Merkmal aber ist vor allem die ausgesprochene Leittonarmut in der Melodieführung. Hauptsächlich durch die Verwendung dieser rhythmischen, harmonischen und melodischen Elemente wird der Nordische Ton gegenüber der universellen europäischen Tonsatzkunst als klare Abweichung wahrgenommen.
    16. ^ Zur Abkehr Gades vom Nordischen Ton siehe Wasserloos, Kulturgezeiten 2004, S. 250ff.
    17. ^ Vgl. die Statistik der Konzerte von Musikforeningen in Hammerich, Musikforeningens Historie 1886.
    18. ^ Vgl. die von Gade entworfenen Grundlinien über die Organisation des Kopenhagener Konservatoriums, Nachlass Gade (im Privatbesitz), Gade, Musikskole – Musik Academie – Musik Conservatorium. Gades Entwurf findet sich auch mit Auslassungen abgedruckt bei Hammerich, Kjøbenhavns Musikkonservatorium 1892, S. 17ff.
    19. ^ In einem Brief an Edvard Grieg bezeichnete Horneman in späteren Jahren Leipzig als "Schweineloch" (Svinehul). Horneman an Grieg, 16. Nov. 1895, Breve fra C.F.E. Horneman til Edvard Grieg, Ms. phot. 149 fol., Det Kongelige Bibliotek København (Originale in Bergens Offentlige Bibliotek).
    20. ^ Weiteres zur Kopenhagener Euterpe bei Fabricius, dansk musiklivs historie 1975 und Wasserloos, "alte Schnecken von anno Tobak" 2007, S. 268–279.
    21. ^ C.F.E. Horneman's Musik-Institut, undat., Horneman papirer, Registr. vedrørende Emil og C.F.E. Horneman, Ny Kongelige Samling 2081, III 2°, Det Kongelige Bibliotek København.

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    : Reformen und Revisionen. Musikalischer Kulturtransfer von Leipzig nach Kopenhagen im 19. Jahrhundert, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz European History Online (EGO), published by the Leibniz Institute of European History (IEG), Mainz 2010-12-03. URL: http://www.ieg-ego.eu/wasserloosy-2010-de URN: urn:nbn:de:0159-20100921373 [JJJJ-MM-TT][YYYY-MM-DD].

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